2.
ABSCHNITT
Profane
(säkulare) und biblische Eschatologie
1.
Kapitel
Verwandtschaft
Die beiden Zukunftshoffnungen
unterscheiden sich darin, dass die profane innerhalb der Geschichte das Reich
der Freiheit und der Gerechtigkeit sucht und darin den endgültigen Sinn des
menschlichen Lebens sieht, die biblische hingegen nicht in einer rein horizontalen,
sondern, ohne diese zu vernachlässigen, über sie hinaus in einer vertikalen
Richtung, nämlich in der Ankunft bei dem sich unverhüllt zeigenden Gott oder
vielmehr durch die »Herabkunft« Gottes zu den Menschen und sein endgültiges,
nie endigendes Gespräch mit dem Geschöpf den Sinn und das Warum des
menschlichen Lebens erkennt.
Der christliche Glaube, dass die
allgemeine Menschheitsgeschichte und die Heilsgeschichte unaufhaltsam in eine
letzte, endgültige Zukunft drängen, ohne jede Möglichkeit der Umkehrung, ist
mit den Zukunftsideologien, vor allem mit jenen, die in unserer Gegenwart
wirksam sind, trotz tiefgreifender Gegensätze in mancher Hinsicht verwandt,
so dass ein Gespräch zwischen der christlichen Eschatologie und den nichtchristlichen,
ja auch den widerchristlichen Futurologien möglich ist. Es lässt sich nicht
verkennen, dass die
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wesentlichen
Kernunterschiede letztlich in dem Gegensatz von reiner Immanenz und von
Transzendenz bestehen. So nachdrücklich in den nichtchristlichen Ideologien die
Zukunftshoffnung betont und als Trost und zugleich als Aufgabe betont und in das
Licht gesetzt wird, so bedeutet die der Wirklichkeit entsprechende
Zukunftslehre der christlichen Offenbarung eine radikale Überbietung aller
weltlichen Zukunftsbemühungen. Gemessen an ihr sind die letzteren zu kurzatmig.
Sie sind zu einseitig, denn sie zielen in einer nur horinzontalen Bewegung auf
eine bestimmte gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, wissenschaftliche
Ordnung innerhalb der Geschichte. Nach der christlichen Glaubenserkenntnis ist
die auch von ihr nicht geleugnete irdische Zukunft ein breitgefächertes
Gestalten- und Formensystem in den genannten Bereichen. Eine einzige Möglichkeit
zu dogmatisieren, würde eine diktatorische Verengung bedeuten. R. Schnackenberg,
Hrsg., Zukunft. Zur Eschatologie bei Juden und Christen. Mit Beiträgen von
J.Fetscher, E. Lessing, J. Petuchowski, R. Schnackenberg und S. Talmon, 1981.