2.
Kapitel
Die
rechte Einschätzung der Vergangenheit
Die theologische These von der
spannungsreichen Zusammengehörigkeit von Vergangenheit und Zukunft, von
Geschichte und Prophetie über die Gegenwart hinaus transzendiert sowohl die
einseitige Schätzung der Vergangenheit, als ob sie der ausschließliche Maßstab
der Wertungen wäre, als auch die einseitige Preisung und Formung der irdischen
Zukunft (Futurologie), als ob sie ohne den Blick auf die Vergangenheit zu
jeder gewünschten Gestalt gebracht werden könnte.
Die Vergangenheit, auf welcher der
christliche Glaube ruht, verweist auf die Schritte in die im Glauben
umschriebene, geheimnisvolle letzte Zukunft (Ankunft bei Gott bzw. Gottes beim
Menschen). Diese Zukunft ist Sinn und Ziel der Vergangenheit, die letztere das
dunkle Licht und der geheime Impuls in die Zukunft. Das »Goldene Zeitalter«
liegt nicht wie in den Märchen in der unbekannten, weit zurückliegenden
Vergangenheit, sondern in der realen Zukunft, und zwar in ihrer Horizontalen und
letztlich in ihrer Vertikalen. Durch den Transzendenzcharakter unterscheidet
sich die
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christliche Eschatologie von dem
Fortschrittsglauben, der in der Aufklärungszeit zur vorherrschenden Leitidee
der europäischen Geschichte wurde und ins Endlose weiterzulaufen schien, bis
in der Gegenwart eine verdüsternde Skepsis eintrat.
Nach dem heute schwer kritisierten
Fortschrittsglauben strebt die Geschichte einer von der reinen Vernunft
gestalteten, durch Wissenschaft, Technik und Industrie vorwärtsbewegten und
geprägten Gesellschaftsordnung in reiner Menschlichkeit, in Freiheit,
Brüderlichkeit und Gleichheit zu. Hierüber soll sofort noch Näheres gesagt
werden. Vorerst sei hervorgehoben: Bei diesem Fortschrittskonzept ist ein wichtiges
Element übersehen worden, die Tatsache nämlich, dass der technische
Fortschritt keine Garantie und keine Norm für die Gesamtkultur, insbesondere für
die Moral im individuellen und politischen Leben, für Religion, Freiheit und
Gerechtigkeit schenkt und verbürgt (J. Fetscher — W.Post, Verdirbt Religion
den Menschen? Marxistischer und christlicher Humanismus, 1969). Dies zeigt
sich hinreichend im heutigen Streit um die Grundwerte und die Grundformen (K.
Forster in zahlreichen Artikeln und Vorträgen).
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