14. Kapitel

Theologische    Abwandlungen    der    Konzilsent­scheidung vom Humanismus bis zur Gegenwart

7. Überblick: Die Kernfragen

Aus der nachtridentinischen Theologie sollen nur ei­nige herausragende, charakteristisch theologische Ge­stalten bzw. Philosophen mit theologischem Einschlag stichwortartig behandelt werden. Dies ist nützlich, weil so die biblisch-katholische Rechtfertigungslehre in ihrer Tragweite umso tiefer verständlich wird. Die Probleme, um die es dabei geht, drehen sich vor allem um das Verhältnis der menschlichen Natur zur überna­türlichen Gnade, man könnte auch sagen: um die Im­manenz und die Transzendenz der Gnade, mit anderen Worten: Ist die Rechtfertigung extrinsezistisch oder intrinsezistisch zu verstehen? Diese Schlagworte zie­len auf die Frage, ob die Rechtfertigung bzw. das rechte Verhältnis zu Gott oder die Berufung zur Ge­meinschaft mit Gott in dervisio beatifica zur menschli­chen Natur selbst gehören oder ob sie eine von Gott in

95

 

freier Gnädigkeit zur menschlichen Natur hinzugefügte himmlische Gabe sind. Genauer gesagt: Hat der Mensch von Natur aus eine positive Offenheit für die Schau Gottes, so daß man diese in die Definition des Menschen einbeziehen muß, oder nur eine neutrale Struktur der Gottesschau gegenüber? Sollte die zweite Möglichkeit zutreffen, dann ist zu prüfen, ob die menschliche Natur durch eine solche Hinzufügung nicht ihrem eigenen Wesen entfremdet wird. Man könnte vielleicht die Frage auch dahin umformen oder radikalisieren, daß man prüft, ob die Gemeinschaft mit Gott selbst nicht ein wesentliches Element der menschlichen Natur darstellt, und zwar derart, daß die Natur ihrerseits unvollständig bleibt, wenn sie auf­grund ihrer Sünde, also schuldhaft diese Gemein­schaft nicht besitzt. Und ob, um weiterzugehen, der Mensch diese Gemeinschaft, auf die er positiv hinge­ordnet ist, eventuell aus eigener Kraft erreichen und bewahren, oder, wenn er sie verliert, wiedergewinnen kann. Da dies verneint werden muß, so muß bei einem Verlust dieser Gemeinschaft infolge der Sünde Gott selbst die Initiative ergreifen, um den sündig Geworde­nen wieder zur Gerneinschaft mit sich zu bringen. Das Moment des »Übernatürlichen« hinsichtlich der über­natürlichen Gottesschau würde sich in diesem Fall nicht auf die positive Offenheit, sondern auf die Mög­lichkeit des Menschen beziehen, die Gemeinschaft mit Gott zu erreichen. Dies bedeutet konkret: Der Mensch kann jedes Lebensziel, welches er aufgrund seiner we­senhaften Hinordnung zu Gott erreichen muß, wenn er nicht Stückwerk bleiben soll, ohne die gnädige gött­liche Hilfe und die göttliche Aktualisierung des im Menschen Angelegten, nicht gewinnen, ja er könnte ohne die göttliche Offenbarung von diesem seinem Wesen eingestifteten Ziele überhaupt nichts wissen.

96

 

Die kirchliche Lehre von der Notwendigkeit der Gnade und der Übernatürlichkeit der Gottesgemeinschaft würde durch die These von der positiven Hinordnung des Menschen auf die Gottesschau nicht gefährdet.

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band VI-1