//. Kapitel Natura pura?

1. Begriff

Der Ausdruck »natura pura« stammt wohl von dem Dominikaner-Theologen Petrus de Palude (ca. 1280 bis 1342). Er hatte in den Auseinandersetzungen über das Verhältnis von Natur und Gnade im 16. Jahrhun­dert einen großen Einfluß. Es fragt sich, ob es eine »natura pura« (reine Natur) gibt. Unter der natura pura ist eine menschliche Existenz zu verstehen, die weder durch die Gnade Gottes noch durch die menschliche Sünde geprägt ist. Es wird also der Mensch als ein leiblich-seelisches Wesen verstanden ohne einen Heilsbezug. Man kann sich die natura pura nur vorstel­len als eine Wirklichkeit außerhalb der Heilsordnung.

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Die SchrÜt weiß von einer derartigen Realität nichts. Ja, ihre Annahme würde dem Zeugnis, das die Heilige Schrift vom Menschen gibt, widersprechen. Natürlich hätte Gott in seiner »absoluten« Macht ein Wesen schaffen können, von dem man die natura pura be­haupten kann. Er hätte dabei allerdings wohl ein ande­res Menschenbild ersinnen müssen.

Für die kirchliche Glaubensüberzeugung ist es von Bedeutung, daß nach ihr der Mensch mit den natürli­chen Kräften das Dasein Gottes mit Gewißheit erken­nen kann und sittlich Gutes zu vollbringen vermag. Die erste These ist ein Dogma des I.Vatikanischen Kon­zils. Dabei ist allerdings zu beachten, daß in diesem Glaubenssatz über die Praxis und die Heilshaftigkeit ei­ner solchen kirchlichen Lehre nichts gesagt ist. Die zweite These ist ausgesprochen worden gegenüber Baius (DS 3891). Offensichtlich ist in diesen beiden Thesen nicht die Rede von dem Fall in die Sünde oder der Wiedergewinnung der Gnade. Die Kirche denkt an die natürlichen Kräfte des Menschen, die nicht von der Gnade unterstützt werden. Dies hat jedoch noch nicht den Sinn, daß sie eine natura pura im absoluten Sinne annimmt.

  

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