11. Erhebende Gnade

Sie zielt jedoch weiter, dahin nämlich, daß sich der handelnde Mensch auf Gott hin transzendiert, genauer auf Gott den Vater, die erste Person in der göttlichen Dreieinigkeit, also auf die Selbstüberantwortung an Gott und an die Mitmenschen als seine Brüder, in wahrer Menschlichkeit. Dies bedeutet, daß Gottes Im­pulse auf die natürliche und die übernatürliche Vollen­dung des Menschen hinwirken. Die sogenannte »all­gemeine göttliche Mitwirkung« und die »erhebende« Gnade sind nicht zwei verschiedene Akte Gottes, son­dern ein einziger Akt, der verschiedene Funktionen und Ziele in sich schließt.

10. Kapitel

Die  »heilende«  und  die »erhöhende«  (elevans) Funktion der Gnade

Häufig wurde von den Vätern, namentlich von Au-gustinus und von den mittelalterlichen Theologen, be­sonders von Thomas von Aquin und Bonaventura, be­tont, daß die Gnade Gottes im sündigen Menschen ei­ne heilende Funktion ausübt. Sie ermöglicht nach die

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ser Vorstellung nicht nur den Transzendenzschritt des Menschen über sich hinaus auf den dreipersönlichen Gott hin, sondern befähigt ihn auch, das Rechte inner­halb des dem menschlichen Wesen Zukommenden zu tun oder leichter zu tun. Für den Betrieb der Theologie z. B. ist dies lebenswichtig: Ohne Gnade hat der Mensch nicht den für seine Forschung notwendigen Bezug zu seinem Gegenstand. Die Gnade befreit ihn von der durch die Sünde hervorgerufenen Fesselung zur wahren Freiheit. Hierbei ist zu bedenken, daß die Freiheit nicht dazu bestimmt ist, Beliebiges und Will­kürliches, sondern das Richtige zu tun. Ein anderer Gebrauch der Freiheit widerspricht zwar nicht ihrem Wesen an sich, wohl aber dem Sinne ihres Wesens. Das Richtige ist das wahrhaft Menschliche. Was aller­dings das wahrhaft Menschliche ist, läßt sich nur durch den Glauben an den sich selbst erschließenden Gott und aus der menschlichen Erfahrung bestimmen. Gott selbst gibt die authentische Interpretation des Menschen, indem er zeigt, wer er selbst ist, und den Menschen als sein Abbild bezeichnet. Die menschliche Geschichte läßt uns erfahren, wessen der Mensch fä­hig ist, was der Entfaltung des einzelnen und der Ge­sellschaft oder der Zerstörung dient. Es ist nicht selbstverständlich, daß der Mensch das wahrhaft Menschliche tut. Er hat vielmehr eine seltsame Nei­gung, das Unmenschliche zu tun, eine Anfälligkeit für den Krieg, den Unfrieden, den Streit, den Haß, die Unterdrückung. Die erlösende Gnade befreit den Men­schen zum Vollzug der wahren, der sinnvollen, eben der wahrhaft menschlichen Freiheit, indem sie ihn von sich selbst, von seiner Sündhaftigkeit und seinen sün­digen Strebungen befreit, für die seinem ursprüngli­chen Wesen entsprechende Liebe, Hilfsbereitschaft, Mitmenschlichkeit, Offenheit für Gott. So begreift das

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göttliche, rettende und erlösende Tun die heilende und erhebende, die heilende und heiligende Gnade in sich (die gratia sanans und die gratia elevans).

Es soll nochmal betont werden, daß es sich um ei­nen einzigen Akt handelt, der zugleich die Funktion der göttlichen Mitwirkung, der gratia sanans und der erhebenden Gnade, vollbringt. Oder vielmehr: In einem einzigen Akt teilt sich Gott dem Menschen mit (erhe­bende Gnade), heilt so die Schwäche der menschli­chen Natur und wirkt das aus den Kräften des Men­schen gesetzte menschliche Tun. So bewirkt der eine göttliche Akt, daß der menschliche Wille in Freiheit heilshaft handelt.

  

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