5. Kapitel Sünde und Freiheit
Das Schriftzeugnis von der Notwendigkeit der Gnade involviert keine Geringschätzung der schöpferischen menschlichen Kräfte. Für sein Verständnis ist folgendes zu beachten: Das von der Schrift proklamierte Heil ist Friede, Einvernehmen mit Gott, Einvernehmen der Menschen untereinander und auch mit den Tieren, letztlich die unmittelbare Gottesschau. Im Bereiche unserer Erfahrung ist eine Lebensgemeinschaft nur möglich, wenn ein Mensch sich dem anderen in freier Hingabe erschließt.
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Infolge der Transzendenz Gottes kann es das Einvernehmen zwischen Gott und dem Menschen nur geben, wenn die Initiative hierzu von Gott ausgeht. Der Mensch kann sich der Transzendenz nicht be-mächtigen und nicht über sie verfügen. Er kann sich der sich ihm öffnenden Transzendenz nur zur Verfügung stellen und sie ergreifen. Nur wenn Gott den Menschen in Bewegung setzt und sich ihm erschließt, vermag der Mensch sich Gott anheimzugeben. Diese Begründung basiert auf dem Kreaturcharakter des Menschen (Ontisch-metaphysische Überlegung: Thomas von Aquin). Es kommt hinzu, daß der Mensch infolge der Sünde in sich selbst verschlossen ist. Der Sünder ist ein Blinder, ja ein Toter (Eph 2,1. 5; Kol 2,3; DS 372; 15261. Sein Wille ist an die Sünde versklavt. Er kann sozusagen nicht aus seiner Selbstver-fangenheit ausbrechen. Diese Begründung beruht auf der konkret-heilsgeschichtlichen Situation des nicht erlösten Menschen (Augustinus, Luther).
Man würde dem Ganzen des Schriftzeugnisses nicht gerecht, wenn man jene Texte übergehen wollte, in denen der Mensch aufgefordert wird, sich zu Gott hinzuwenden, Buße zu tun, zu werden wie die Kinder, sich taufen zu lassen. Durch solche Anrufe menschlicher Entscheidung für Gott werden die Texte, in denen die Notwendigkeit der Gnade, die Notwendigkeit der göttlichen Initiative bezeugt wird, nicht außer Kraft gesetzt. Beides gilt: Das Heil ist Tat Gottes, der Mensch gewinnt es aber nur in freier Entscheidung für Gott. Wie Gottes Allwirksamkeit und menschliche Freiheit zusammen bestehen können, soll später erörtert werden. Die Schrift selbst unternimmt keinen Versuch, die beiden einander anscheinend widersprechenden Vorgänge auszugleichen.
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