8. Nachtridentinische Weiterführung
Für das Verständnis der unverkürzten katholischen Gnadentheologie muß die ganze kirchliche Verkündigung, nicht nur die auf dem Konzil von Trient geschehene, herangezogen werden, insbesondere jene, die darin besteht, daß die Kirche die Heilige Schrift anbietet und als Offenbarungszeugnis proklamiert. Das im Schöße der Kirche durch den Impuls des Heiligen Geistes entstandene und die Kirche rückwärts wirkend wieder bindende Offenbarungs- und Glaubenszeugnis der Schrift ist ja nicht nur ein einer bestimmten Stunde der Vergangenheit zugeordnetes Dokument, sondern die immerwährende Ausdrucksgestalt des Glaubens der je gegenwärtigen Kirche. Wer erfahren will, was
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die je gegenwärtige Kirche von der Gnade hält, muß die von der Kirche verkündigte, im Kanon zusammengefaßten Schriften lesen, zumal alle Glaubensaussagen der Kirche, auch jene des Konzils von Trient, Auslegungen der Schrift oder Ableitungen aus ihr sein wollen. Nur in dieser allseitigen Bemühung um die kirchliche Lehre kommt diese als Ganzes in den Blick. Dieses Vorgehen kann nie dazu führen, daß die in Trient aufgestellten Lehren inhaltlich geändert werden, wohl aber dazu, daß sie ergänzt und mit neuen, sei es schwächeren, sei es stärkeren Akzenten versehen werden, insofern sie nicht als in sich stehende Wahrheiten, sondern auch nach ihrem Ort und ihrer Funktion im Wahrheitsganzen verstanden werden.
Diese Integration ist infolge der Begrenztheit des menschlichen Geistes nur in einem fortschreitenden Prozeß der Glaubenserkenntnis, nicht in einem punk-tuellen Tun möglich. Erst wenn die bedrohten Stücke im Glaubensbewußtsein so verwurzelt sind, daß sie der Gefahr des Verlustes oder der Entstellung enthoben sind, kann der Integrationsprozeß weitergehen und das Einzelstück in seiner Gliedhaftigkeit am Ganzen stärker unterstrichen werden. Man sieht: Für dieses Vorgehen bedarf es des Kairos, der rechten Stunde. Falls die Einordnung oder Unterordnung einer Einzelwahrheit in das Ganze und die damit verbundene Akzentverschiebung vorzeitig unternommen wird, nämlich zu einer Zeit, in der sie noch nicht hinreichend sichergestellt ist, bleibt das Beginnen unfruchtbar und löst Mißtrauen aus. Wird hingegen die Stunde versäumt, droht der Theologie Sterilität. Es würde ungeschichtliches Denken verraten, wollte man die Theologie vergangener Jahrhunderte tadeln, weil sie dies und jenes oder vieles noch nicht geleistet hat.
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