6. Kapitel Die Gnade im Neuen Testament
1. Das Wort »Gnade«
Im Neuen Testament, welches uns die Gnade im streng theologischen Sinne offenbart, begegnen uns
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eine ganze Reihe von Ausdrücken für die gnadenhafte Wirklichkeit. Die synoptischen Evangelien sprechen vom Himmelreich, vom Gottesreich, von der Lebensgemeinschaft mit Christus, von der Einheit mit Gott. Johannes bezeichnet die Gnade als Wiedergeburt, als Gotteskindschaft, als Licht und Leben, Paulus als Sein in Christus, als Christi Insein in uns, als Gliedschaft am Leibe Christi, als Teilnahme an Christi Tod und Auferstehung, als Existenz im Heiligen Geiste, als Neuschaffung.
Das Wort Charis kommt bei Matthäus und bei Markus nicht vor, bei Lukas hingegen achtmal, in der Apostelgeschichte siebzehnmal, im Johannes-Evangelium viermal, bei Paulus hundertzehnmal, im 1. Petrus-Brief zwölfmal, in der Johannes-Apokalypse zweimal, sonst nur noch selten. Es wird außerhalb des biblischen Bereiches in der Bedeutung Schönheit, Edelmut, Anmut, Uneigennützigkeit, Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit gebraucht. Wenn die neutestamentlichen Christuszeugen es verwenden, dann schließen sie keine dieser Sinndeutungen aus. Sie heben sie aber alle auf eine neue Ebene empor, von welcher die außerbiblischen Schriftsteller nichts wußten, mochten sie wie etwa Aristoteles die Charis noch so hinreißend schildern. Die christlichen Benutzer des Wortes dachten an die Schönheit, die Anmut, die Uneigennützigkeit, welche in Christus ihren Grund haben. Sie hoben indes den alten Inhalt des Wortes nicht bloß in eine andere Sphäre, sie füllten vielmehr das Wort auch mit neuem Sinn.
Man kann in den neutestamentlichen Schriften vier Hauptbedeutungen des Wortes »Charis« feststellen:
a) Zunächst bezeichnet es das Wohlwollen, die Gunst, die Gnädigkeit Gottes (z.B. Lk2.40; 1 Kor 1,3; Rom 5,15). In diesem Verständnis erscheint die Gnade als personhafte Wirklichkeit, als das göttliche Du, als
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der himmlische Vater, der sich durch Christus im Heiligen Geist dem Menschen zuwendet. Insbesondere betonen Schrift und Väter, daß der Heilige Geist es ist, welcher den Christusgläubigen formt.
b) Sodann umschließt es den ganzen Reichtum der Gaben, welche Gott der Vater durch Jesus Christus den Menschen geschenkt hat, d.h. die ganze neutesta-mentliche Heilsordnung (Rom 5,17-20; 6,15; Joh 1,17).
c) Außerdem wird mit dem Worte die einzelne, dem Menschen von Gott gewährte übernatürliche Gabe, die Berührung des Herzens durch die Liebe Gottes, die Erleuchtung des menschlichen Erkennens durch den Geist Gottes bezeichnet {Rom 2,5; 1 Kor 3,10; 2 Kor 6,11; Apg 10,45; 1 Petr 5,12). In diesem Verständnis erscheint die Gnade als dinghafte Wirklichkeit.
d) Es bezeichnet auch eine Eigenschaft derer, welche die Gabe empfangen, ihre Schönheit, ihre Dankbarkeit, ihre Freudigkeit (Eph 4,20; 1 Petr 2,20; Lk 17,9; Rom 7,29; 1 Kor 1,4).
Mit dem Worte Charis ist das von ihm abgeleitete Charisma verwandt. Doch findet sich dies nur bei Paulus und bei Petrus. Es bezeichnet übernatürliche Gnadengaben, welche der Heilige Geist im einzelnen zur Auferbauung des Ganzen wirkt (siehe bes. 1 Kor 12ff). Das Wort bedeutet im profanen Sprachgebrauch, besonders aber in den mystischen und magischen Schriften der hellenistischen Zeit ungewöhnliche, über die Natur hinausführende Kräfte. Außerdem wurde es verwendet für die Bezeichnung von Geldgeschenken, welche die Herrscher am Neujahrstag oder an ihrem Geburtstag den Soldaten machten. In dieser Bedeutung drückt es zugleich die volle Freiheit des Schenkers gegenüber dem Beschenkten aus.
Schon aus dieser Übersicht über das Wort Gnade ersieht man, daß die neutestamentliche Vorstellung
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von der Gnade sehr komplex und vielschichtig ist und keineswegs mit einem einzigen Begriffe oder Bilde ausgedrückt werden kann.
Gelegentlich erscheint die sachlich verstandene Gnade wie eine personhafte Macht, z. B. Rom 5. Sie ist wie eine Königin, welche in ihrem Reiche überlegen herrscht und die Feinde, nämlich die Sündenmacht, die Todesmacht, die Gesetzesmacht, bekämpft und besiegt.