5. Altes und Neues Testament

Das A Tals Vorbereitung des NT — das A/7" als »Aufhe­bung« des A T in doppeltem Sinne

Wenn auch das ganze Alte Testament eine Vorberei­tung der neutestamentlichen Gnadenoffenbarung ist, so bieten doch einzelne Texte einen besonders deutli­chen Hinweis. So bittet nach ps 119,34 der Gerechte Gott um Einsicht in das Gesetz, um die Öffnung seiner Augen. Dieser Text klingt wie ein Vorwort zum Worte des Apostels Paulus: Allein die Gnade Christi kann die Schleier wegziehen, welche das Alte Testament ver­hüllen (2 Kor 3,14}. Gott selbst hat das in Christus her­vortretende Neue verkündigen lassen (Ez 36,36; Jer 31,31-34; 32,38ff}.

Die Gnade im strengen Sinn wird uns freilich im Al­ten Testament nirgends in klarer Weise bezeugt. Die Väter und die Scholastiker haben die alttestamentli-chen Texte vielfach mit neutestamentlichen Augen ge­lesen und auch dort eine Offenbarung der Gnade im ei­gentlichen Sinne gesehen, wo der unmittelbare Wort­laut sie nicht bietet. Insbesondere glaubten sie an fol­genden Stellen den Hinweis auf die Gnade im eigentli­chen Sinne sehen zu dürfen, zunächst ps 51,12: »Er­schaff in mir, o Gott, ein reines Herz, gib neuen festen

30

 

Geist in meine Brust«, dann auch ps 118,34 oder ps 59,11 oder Prov21,1; 8,35; Jer31,18.

Wenngleich das Alte Testament keine volle Kennt­nis von der Gnade hat, so fehlt ihm dennoch die Wirk­lichkeit der Gnade noch viel weniger als den Menschen im außerbiblischen Bereich. Aber es gab Gnaden im Alten Bunde nicht aufgrund des Gesetzes, sondern im Hinblick auf jene Wirklichkeit, welche durch das Ge­setz vorbereitet wurde, nämlich im Hinblick auf Jesus Christus. Augustinus erklärt (De spiritu et litera, c. 17): Im Alten Testament wurde das Gesetz gegeben, damit die Ungerechten erschüttert würden. Im Neuen Testa­ment wird es in das Innere gesenkt, damit die Men­schen gerechtfertigt werden. Thomas von Aquin han­delt öfter über das Problem, besonders in der Tauflehre. Summa theologiae 1 II q. 106a. 1, 2 u. 3 führt er sinn­gemäß aus: Das alte Gesetz gab nicht wie das neue den Heiligen Geist, durch den der Mensch gerechtfertigt wird, in jener Fülle, die mit Pfingsten begann. Wenn es dennoch im Alten Testament Gerechte gab, welche die Liebe und die Gnade des Heiligen Geistes hatten, so fag der Grund darin, daß diese die verheißenen Güter er­warteten und in einer solchen Hoffnung schon zum Neuen Bunde gehörten. Sie wurden also gerechtfertigt durch den Glauben an den kommenden Christus {1 II q.107 a.1). In den Ausführungen über die Beschnei­dung erklärt Thomas, daß die Beschneidung die Gnade vermittelte, insofern sie Zeichen des Glaubens an das kommende Leiden Christi war, während im Neuen Te­stament die Taufe Gnade gewährt durch den Glauben an den schon gekommenen Christus. In der Zeit vor der Einsetzung der Beschneidung wurde nach dem Aquina-ten die Rechtfertigung ebenfalls durch den Glauben an den kommenden Messias gewirkt. Nur war vorher kein diesen Glauben bekennendes Zeichen erfordert. »Denn

31

 

noch hatten die Gläubigen nicht begonnen, sich geson­dert von den Ungläubigen zur Verehrung des einen Gottes zu vereinen« (Summa theologiae, III Frage 70, Art. 4, Corpus und zu 2).

Die von Thomas von Aquin, Bonaventura und ande­ren mittelalterlichen Theologen verwendete, aber schon bei den Vätern bekannte und in ihrer Wurzel auf jüdi­sche Zeit zurückgehende Dreiheit von Natur, Gesetz und Gnade stellt die heilsgeschichtliche Stufung dar, in welcher die Gnadenwirklichkeit bis zu ihrem Höhepunkt in Christus ansteigt und der Gnadenbegriff sich klärt (siehe H. Grundmann, Studien über Joachim von Flo-ris, Leipzig 1927, l, 38. 88-90, G. Philips, La gräce des justes de l'Ancien Testament: Ephem. Theol. Lov. 24 (1948) 23—58. J. Ratzinger, Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura, München-Zürich 1959. A. Lumeau, L'histoire du salut chez les Peres de l'Eglise. La doctrine des äges du monde, Paris 1964). Die Lehre des Thomas von Aquin stimmt überein mit jener des Konzils von Trient (Sitzung 6, Kapitel 1; D. 793), daß die Juden nicht durch den Buchstaben des Gesetzes von der Knechtschaft der Sünde befreit wurden. Nä­herhin läßt sich freilich die Art und Weise, in welcher Gott im Alten Bunde Gnaden gab, nicht genau bestim­men.

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band VI-1