a) Gnade als Huld Gottes
Mehr als durch Formeln bereitet jedoch das Alte Testament die neutestamentliche Gnade durch die in ihm berichtete Sache vor. Gott ist zwar nach der Schilderung des Alten Testamentes der strenge Richter, der Rächer, der die Bundesbrüchigkeit des menschlichen Bundespartners bestraft. Es wäre jedoch völlig verfehlt, wenn man, wie Markion, einer der ersten und bedeutendsten theologischen Antisemiten (gest. um 160), den alttestamentlichen Gott als einen grausamen und harten Herrn dem gütigen und barmherzigen Vater des Neuen Testaments entgegensetzen wollte. Denn auch der alttestamentliche Gott ist voll Güte und Sorge. Seine Liebe und sein Erbarmen werden in ergreifenden Zügen geschildert. Sie sind Ausdruck seiner freien, überlegenen Personhaftigkeit.
Zu Mose spricht Jahwe: »Ich erweise Gnade, wem ich gnädig bin, und zeige Erbarmen, wessen ich mich erbarme« (Ex 33,19). Die Erde ist voll seiner Liebe (Ps 33,5; 119,64). Sein Erbarmen ist unerschöpflich, umfaßt alle Geschöpfe und schließt auch die Sünder und die Heiden nicht aus.
b) Kollektiver Charakter
Zunächst wendet sich Gott in kollektivistischer Weise dem von ihm erwählten Volk zu. In Gottes Ge-
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sprach mit Mose drückt sich Gottes Verhältnis zu »seinem« Volke aus. Als der Herr an Mose vorüberzog, rief Mose selbst aus: »Der Herr ist ein barmherziger und gütiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.« Deshalb kann Mose beten: »Wenn ich wirklich in deinen Augen Gnade gefunden habe, so möge doch mein Herr in unserer Mitte ziehen« (Ex 34,6-9).
Israel ist Gottes Sohn, sein Erstgeborener (Dtn 32,6; Hos 11,1; Ex 4,22). Ihm gegenüber hat Gott die Gefühle des Vaters (Jer 31,20). Er erwählte es ja, weil er es liebte (Dtn 7,7f). Wenn auch eine Mutter ihres Kindes vergessen könnte, er kann seines Volkes nicht vergessen (Dt-Jes 49,15). Ja, Gott hat geradezu Heimweh nach dem ihm entlaufenen Volke (Hos 11,1-9). Die Vorwürfe, die er ihm macht, sind Vorwürfe eines gekränkten Freundes, eines verwundeten Bräutigams (Hos 7,13; Ex 23,12-27). Wenn er straft, tut er es, um zu bessern (Am 4,6-12). Er ist bereit, die Sünden zu verzeihen, wenn das Volk umkehrt (Ex 32,30ff; 33,12-19; Num 14,10-19; Hos 1-3). Seine Liebe zum Volke ist stark wie der Tod, dessen Macht alles bezwingt. Ihre Glut ist so groß, daß viele Wasser sie nicht zu löschen vermögen (Hohes Lied, besonders 8,6f). Denn die Liebe Gottes ist ewig und daher unwandelbar (Jer 31,3; Pss 106,1; 117,2; 118,1-4.29; 136,1-26; 138,8). »Wenn auch die Berge weichen und die Hügel wanken, so wird doch meine Huld nimmer von dir weichen und mein Friedensbund nimmer wanken«, spricht Gott zum Volke (Dt-Jes 54,10; vgl. Pss 100,5; 103,17; Dan 3,89f).