5. Der Gnostizismus

Für den Gnostizismus gilt etwas Ähnliches. Auch in ihm finden sich Ansätze zu der Vorstellung der Gnade, die sich wegen der pantheistischen Grundstimmung nicht entfalten können. Einen Eindruck von der gnosti-schen Frömmigkeit vermag folgendes Danklied zu ge­ben:

»Ich war befreit aus meinen Banden / und bin zu dir, mein Gott, entkommen. / Denn du wurdest mir zur Rechten, / die mich erlöste und mir half. / Du hieltest meine Widersacher zurück, / so daß sie sich nicht mehr zeigten. / Denn deine Person war mit mir, / die rettete mich in deiner Gnade. / Ich wurde verachtet und ver­worfen von Vielen / und ward in ihren Augen (wertlo­ses) Blei. / Aber es ward mir Kraft und Hilfe von dir. / Leuchter stelltest du mir zur Rechten und zur Linken, / damit an mir nichts lichtlos sei. / Ich wurde bedeckt mit der Decke deines Geistes / und tat ab von mir die Klei­der aus Fell. / Denn deine Rechte hat mich erhöht, / du hast die Krankheit von mir entfernt. / Ich ward gesund in deiner Wahrheit / und heilig in deiner Gerechtigkeit. / Es wichen von mir alle meine Widersacher; ich ward des Herrn im Namen des Herrn. / Ich ward gerechtfer­tigt durch seine Freundlichkeit, / und seine Ruhe währt in alle Ewigkeit. Amen« {Oden Salomons 25, übers, von H.Greßmann, Neutestamentliche Apokryphen, hrsg. von Ed. Hennecke, Tübingen 19242. Das Lied ist auch in der gnostischen Schrift Pistis Sophia c. 69 überliefert, übersetzt von C. Schmidt, Die griechisch-christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte: Koptisch-gnostische Schriften l, Berlin 1905, 97 und Pistis So­phia, Berlin 1925, 111. Siehe für diesen Überblick und die mitgeteilten Texte R. Bultmann, Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen, Zürich 19541*).

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In all diesen religiösen Vorstellungen kann es, falls nicht im praktischen Vollzug die religiöse Theorie über­schritten wird, nicht zu einer echten Begegnung des Menschen mit Gott kommen, weil entweder der Mensch nur als die Entfaltung des Göttlichen oder Gott nur als die Gestaltung des Menschen verstanden wird, weil es also keine echte Personhaftigkeit gibt.

  

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