2. Die einzelnen Religionen

Das undeutliche Bewußtsein von der Gnade ist ge­wissermaßen eine Vorform der durch Jesus Christus geschehenen Offenbarung von der Gnade im eigentli­chen Sinne. Eine solche Vorform der Gnaden Offenba­rung begegnet uns z. B. in den Gebeten der babyloni­schen Religion.'Bei den Indern tritt sie infolge ihres pantheistischen Gottes- und Menschenbildes zurück, ohne indes ganz zu fehlen. Erlösung ist ja hier das Er­gebnis der eigenen Bemühung. Noch stärker wird die Erlösung als Selbsterlösung im Parsismus verstanden. Von ihm leitet sich der Mithraskult ab. Er trägt ebenso wie die persische Religion weithin den Charakter der Selbsterlösung. Die Mithras-Religion war im dritten und auch noch im vierten Jahrhundert ein schwerer Gegner des Christentums mit seiner Gnadenlehre.

Im griechischen Bereich wurde Prometheus das Symbol des Menschen, der sich von den Göttern be­freien und sein Leben selbst formen will. Der Mensch hat zwar seinen Ursprung und sein Ziel und damit auch seinen Weg nicht in seiner Hand. Aber dennoch be­stimmt er sich innerhalb der ihm gesetzten Grenzen weithin selbst. Die griechische Tragödie versucht das Walten des »Übermächtigen« darzustellen. Dabei tritt immer stärker der Glaube hervor, daß die Götter die Gebete des Menschen nicht erhören, daß das mensch­liche Schicksal keine Gerechtigkeit des göttlichen Wal-tens kennt. Einen unheimlichen Ausdruck findet der

17

 

Glaube an das gewaltige gnadenlose Schicksal z.B. in dem Chorlied der »Alkestis« des Euripides:

»Empor hob mich die Muse / und die Forschung; gar manches Buch / las ich; nirgends fand ich etwas / stärker als die Ananke. / Keinen Zauber, der sie be­zwingt, / hat auf thrakischer Tafeln Holz / Orpheus' Stimme beschrieben. / Selbst Asklepios' Söhnen gab / Phoibos, welcher so viele / menschliche Leiden heilt, / kein so kräftiges Mittel. / Man kann nicht den Altä­ren, / nicht dem Bilde der Gottheit nah'n: / blut'ges Opfer erhört sie nicht / Greife, Herrin, nicht rauher / in mein Leben als früher ein. / Was Zeus selber verfügt, durch dich / wird ans Ziel es geführt. / Selbst der Cha-lyber harten Stahl / brichst du spielend, Ananke. / Dein unerbittlich Herz / kennt kein schonendes Mit­leid.«

Die griechischen Sophisten haben zwar den Glau­ben an das übermächtige Schicksal zerstört, in ihrer Denkweise hat aber die Gnade erst recht keinen Platz. Denn nach ihnen gilt: Aller Geltungen Maß ist der Mensch; derer, die bestehen, dafür, daß sie bestehen; und derer, die nicht bestehen, dafür, daß sie nicht be­stehen (Protagoras).

Nach Plato ist Gott der große unsichtbare (person­hafte?) Spieler, der durch den Eros die Menschen be­herrscht. Plato lehnt das Gebet zu Gott ab. In seiner Philosophie ist objektiv für gnadenhaftes Walten eben­sowenig Raum wie in jener des Aristoteles. Aber die platonische Philosophie bereitete durch ihre Lehre von der Einstrahlung des Göttlichen in den Menschen und von der Präexistenz der menschlichen Seele stim­mungsmäßig die Heiden für die christliche Offenba­rung von der Gnade vor. Sie schuf ein geeignetes Kli­ma für die Gnade.

18

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band VI-1