4. Kapitel Gnade im außerbiblischen Bereich?
7. Grund für deren Existenz
Die Gnade in diesem streng theologischen Sinn war und ist der Menschheit außerhalb des biblischen Bereiches unbekannt. Damit soll nicht gesagt sein, daß es im außerbiblischen Bereich keine Gnade gibt. Vielmehr müssen wir annehmen, daß auch hier in Hinsicht auf Jesus Christus Gnade im eigentlichen Sinne gewährt wird, d.h. daß sich Gott den Menschen heils-haft mitteilt. Man kann dies phänomenologisch daran erkennen, daß es auch im außerbiblischen Bereich echte Liebe zu Gott und zu den Menschen gibt (vgl. Th. Ohm, Die Liebe zu Gott in den nichtchristlichen Religionen, Münster 1950; derselbe, Machet zu Jüngern alle Völker, Freiburg 1962). In diesen Vollzügen kann allerdings auch im außerbiblischen Bereich Gnade erfahren werden.
Die Existenz von Gnade auch im außerbiblischen Bereich läßt sich gar nicht leugnen, wenn man annimmt, daß der göttliche Weltentwurf von vornherein christologisch war, d.h. daß Christus der erste Weltgedanke und Weltplan Gottes war und alles übrige um Christi willen geschaffen ist.
Wenngleich also die außerbibtische Menschheit nicht ohne Gnade war und ist, so entzieht sich doch deren Maß unserer Beurteilung.
So wenig wir der außerbiblischen Menschheit eine klare Kenntnis der Gnade im strengen Sinne zuschreiben können, so weit verbreitet ist ein dunkles Ahnen und Sehnen nach ihr. Wir dürfen dies überall dort an-
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nehmen, wo wir echte Gebete finden, in denen sich die Menschen als Hilfsbedürftige und als Sünder bekennen und Gottes Erbarmen herbeirufen. Die Geschichte des Gebetes fällt weithin zusammen mit der Geschichte des Verständnisses der Gnade.