3. Kapitel Die Gnade im theologischen Verständnis
1. Allgemeine Erklärung
Von der bisher geschilderten »Naturgnade« unterscheidet sich die Wirklichkeit, die wir im streng theologischen Sinne Gnade nennen, trotz des eben betonten Zusammenhangs innerlich und wesentlich. Denn sie ist eine übernatürliche Realität. Sie ist daher nicht bloß eine die Regel transzendierende außerordentliche, durch Gottes Fügung geschenkte wunderbare Daseinserfüllung. Ihr Ziel ist nicht bloß die vollkommene Verwirklichung der Natur. Sie gehört nicht der von Gott geschaffenen Naturordnung an und zielt nicht nur auf eine Erhöhung der Natur innerhalb der dieser von Gott eingesenkten und ihr daher immanenten
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Möglichkeiten. Sie ist vielmehr eine alle Kräfte, Anstrengungen und Werte überschreitende Selbstmitteilung Gottes und die daraus resultierende Gabe, welche den Menschen in den Stand setzt, vertraute Gemeinschaft mit dem im dreipersonalen Liebesaustausch lebenden Gott zu pflegen. Ihr Ziel ist die Teilnahme an dem innergöttlichen trinitarischen Leben.
Zwar hat wegen der Transzendenz Gottes auch alles Natürliche Geschenkcharakter. Die übernatürliche Gnade geht jedoch in höherem Maße und in anderer Weise aus der Freiheit der göttlichen Liebe hervor als die Natur. Denn in ihr teilt Gott durch Jesus Christus den Menschen sein eigenes Selbst mit. Die Selbstmitteilung Gottes an den Menschen ist das Ziel des ewigen göttlichen Weltplans. Der himmlische Vater hat den Kosmos und den Menschen in ihm in freier Liebe geschaffen, damit er das Wunder seiner Selbstmrttei-lung an den Menschen verwirklichen könne. Gott hat den Menschen so gebaut, daß dieser die ewige Liebe, die Gott selbst ist, aufzunehmen vermag. Das Geschenk seiner selbst ist reiner Ausdruck seiner freien, personalen Liebe. Die Gnade ist also völlig ungeschul-det (indebitum). Der Mensch kann keinen Anspruch erheben, und zwar nicht nur, weil er als Sünder nichts von Gott fordern darf, sondern weil er ein Geschöpf ist und daher auch dann die göttliche Gnade nicht beanspruchen kann, wenn er von der Sünde befreit ist und daher vergessen darf, daß er ein Sünder war (später soll gezeigt werden, ob der Mensch für dieses Gottesgeschenk eine Aufnahmefähigkeit besitzt und welcher Art gegebenenfalls seine Kapazität ist).