4. Die »Naturgnade« in der Theologie

Der Begriff Gnade wird in diesem gewissermaßen natürlichen, d.h. die Ordnung der Natur nicht über­schreitenden Sinn gelegentlich von den Kirchenvätern gebraucht, wenn sie die Welt und ihre Herrlichkeit als ein Geschenk der Huld Gottes preisen und Gott ob sei­ner sich nie erschöpfenden, ja verschwenderischen Wohltätigkeit rühmen (siehe Klemens von Rom in sei­nem Schreiben an die Korinther 23,1; 19,2; 59,3; Zwölfapostellehre 1,5). Besonders deutlich wird die natürliche Gnade von Augustinus geschildert. Zu­gleich hebt er mit großer Schärfe ihren Unterschied von der übernatürlichen, eigentlichen Gnade hervor. Er schreibt im Jahre 416 an Papst Innozenz l. einen Brief über Pelagius und betont dabei, daß Pelagius kei­ne andere Gnade kenne als die Natur, in der Gott uns erschaffen hat, und fährt dann fort: »Freilich kann man auch durchaus ohne jeden Anstoß von der Gnade

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sprechen, durch die wir erschaffen sind, nämlich et­wa: daß wir über das Nichts erhaben seien und auch nicht ein Sein besitzen wie der leblose Leichnam, der gefühllose Baum, das vernunftlose Tier, sondern daß wir Menschen seien, die Sein, Leben, Gefühl und Ver­nunft besitzen und für eine so große Wohltat dem Schöpfer zu danken vermögen. Mit Recht kann auch dies Gnade genannt werden, weil es uns nicht um des Verdienstes eigener vorhergegangener guter Werke willen, sondern durch die unverdiente Güte Gottes verliehen worden ist. Ganz anderer Art jedoch ist die Gnade, durch die wir als Vorherbestimmte berufen, gerechtfertigt und geheiligt werden« (BKV X 126).

Diese Vorstellung findet sich auch bei mittelalterli­chen Theologen, mit besonderer Betonung bei Bona-Ventura (z. B. l Sentenzenkommentar dist. 8 pars 1 a. 2 q. 2 ad 9""", dist. 44 a. 1 q. l ad 4um, II Sent. d. 27 dub. 1; vgl. J. Auer, Die Entwicklung der Gnadenlehre in der Hochscholastik, l. Teil, Freiburg 1942, 337-354). Mit dieser Charakterisierung der Natur drückt sich be­sonders deutlich ihre Offenheit gegenüber Gott aus. Sie wird um so verständlicher und glaubwürdiger, je mehr man bedenkt, daß die Natur nie ohne Hinord­nung zu Christus existiert, daß ihr diese eingepflanzt ist, weil die Grundstruktur der Welt christozentrisch ist. Die »Naturgnade« ist demgemäß die Grundlage für die »Heilsgnade«. Die letztere ist die Erfüllung der er­sten.

  

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