5. Kapitel »Übernatürliche« Gnade

Daß jeder Mensch von Gott in diese Zukunft geru­fen wird, ist Gnade in strengem Sinne. Die mittelalter­lichen Theologen haben hierfür das Wort von der »übernatürlichen« Gnade geprägt. Der Ausdruck »übernatürlich« (allerdings in anderer Bedeutung, nämlich im Sinne von »überweltlich«} entstand in den Kreisen der neuplatonischen Theologie um das Jahr 500 nach Christus. Er will im Sinne der späteren Theo­logie nicht nur die Transzendenz Gottes darstellen, sondern darüber hinaus besagen, daß das von Gott dem Menschen zugedachte Leben der Vollendung nicht aus den Kräften des eigenen Wesens gestaltet, sondern nur als Geschenk Gottes entgegengenommen werden kann. Deshalb ist ihr auch der Charakter des Unerwarteten eigen (vgl. z.B. die Erwählung Marias, den Modus vieler »Bekehrungen«). Inhaltlich ist mit dem Worte von der übernatürlichen Gnade die Beru­fung des Menschen von seilen Gottes zur Teilnahme an seinem dreipersonalen Leben gemeint. Dies schließt ein zweifaches, ein personales und ein dingli­ches Element in sich: die gnädige Selbstschenkung Gottes des Vaters an den mit seinem menschgeworde­nen Sohne im Heiligen Geiste verbundenen Menschen und die Verähnlichung des Menschen mit dem dreiper­sönlichen Gott (M. Seybold, Gnade und Heil, 1973).

Der Begriff der Gnade bedarf wegen seiner durchge­henden Wichtigkeit einer genaueren Analyse.

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