2. Kapitel Die Schrift

In der Schrift findet sich das Wort »Verdienst« nicht. Aber die in ihr häufig anzutreffenden Ausdrücke vom Lohn, von der Vergeltung, von der Krone, vom Sie­gespreis bilden den Ansatz für die spätere Theologie und kirchliche Lehre vom Verdienst. Im Alten Testa­ment wird der von Gott gewährte Lohn immer als Gna­denlohn verstanden (Dtn-Jes 49,4; 61,8). Gott er­wählt die Menschen zu ihren Aufgaben nach freiem Ermessen, nicht nach Verdienst (Gen 6,8; 12,1f; 25,26). Auch die Erwählung des Volkes Israel stützt sich nicht auf Verdienst (Dtn 7,7f; 9,5f; Ex 33,19; Hos 11,1ff; Jes 1,2f; 5, 1-7; Ez 16,1-34).

Im Judentum entwickelte sich die Überzeugung, daß die Erfüllung der Gebote dem Menschen Gott ge­genüber Ansprüche verschaffe. Durch die Erfüllung des Gesetzes »sammelt« der Fromme Verdienste. Gott führt darüber gewissermaßen Buch. Man rechnet mit einer Äquivalenz zwischen Tun und Lohn. Letztlich läuft diese Theologie der Pharisäer auf eine Religion der Selbsterlösung hinaus. Jesus spricht zwar auch von Lohn und Vergeltung, lehnt aber die These der

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Pharisäer vom Anspruch auf Lohn und von der Äqui­valenz von Tun und Lohn radikal ab. Jeder Lohn ist Gnade(Mt5,1-12;5,46;6,1;6,19ff; 10,41; 19,20-31; 20,1-16; 24,45-51; 25,14-46; Mk 9,41; 10,28-31; Lk 6,32-38; 6,23; 22,28ff; 17,10 usw.). Denn Gott ist der Herr, über den das Geschöpf nicht verfügen kann.

Mit äußerster Schärfe hat Paulus die Ansicht zu­rückgewiesen, der Mensch könne sein Heil durch ei­gene Anstrengung erreichen. Dennoch ist er über­zeugt, daß Gott jedem vergelten wird nach seinen Werken, mit dem ewigen Leben denen, die in guten Werken ausharren und nach Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit streben, mit Zorn und Grimm aber den Widersachern, die der Wahrheit widerstreben und sich der Ungerechtigkeit hingeben (Rom 2,6ff). Der Lohn ist verschieden. Er entspricht dem Werke eines jeden (1 Kor 3,8.14; 9,17f; 9,24-27; 2 Kor 4,16ff; 5,10; Gal 5,7-10; 2 Tim 4,2-8). Der Mensch soll je­doch nicht nach Lohn jagen, sondern dem Herrn zu gefallen versuchen (Kol 3,23f; vgl. Apg 11,16ff).

Die negative Seite des Lohnes ist das Gericht. Pau­lus beschwört seine Leser, so zu leben, daß sie trotz ihres Christenstandes nicht dem kommenden Gericht verfallen.

  

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