bb) Kritische Liebe

Dies begreift in sich, daß Christen sich nie mit einem bestimmten Zustand in der Geschichte beruhigen und abfinden dürfen, sondern immer nach vorne trachten müssen, bis die stets unvollkommene Liebe in der ab­soluten Zukunft aufgrund des göttlichen Eingreifens zur Voilendungsgestalt ausreift (1 Kor 13,9-13). Es ist nicht immer eindeutig, was Liebe ist und was Mange! an Liebe ist. Was Liebe zu dem einen oder zu der einen Gruppe ist, kann Mangel an Liebe oder Ungerechtig-

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keit gegenüber dem anderen oder der anderen Gruppe sein. Die Liebe muß daher kritisch, d.h. mit Unter­scheidungsfähigkeit begabt sein. Nur die kritische, nicht die blinde, nicht die unterschiedslos gewährende Liebe vermag abzuwägen, wo sie und wieweit sie ge­ben darf und wo sie nehmen muß. Auch ein Verbot oder eine Wegnahme können entgegen der äußeren Optik Liebe sein, insofern durch solche Maßnahmen Bedrückten geholfen und anderen eine Chance zur Selbstbefreiung von Besitzgier und Herrschsucht ge­boten wird und so allen echte menschliche Begegnung in Freiheit und Menschenwürde, in Frieden und Freu­de ermöglicht wird. Liebe und Recht brauchen einan­der nicht auszuschließen. Recht ohne Liebe kann zer­störerisch und grausam sein. Liebe ohne Recht kann parteiisch und schwächlich werden, statt schöpferisch zu sein.

  

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