bb) Überordnung der Schau über die Liebe?
Noch entschiedener wird die Überordnung der Gnosis, der Schau über die Liebe von Origenes vertreten. Er versucht allerdings, die griechische Lehre vom Eros mit der biblischen Lehre von der Agape zu vereinigen, insofern letztere nach ihm nur den himmlischen Eros gegenüber dem »gemeinen« Eros meint. Die Lehre des Origenes hatte eine große Nachwirkung. Diese betrifft auch die Terminologie. Der Ausdruck Eros wird mehr und mehr auch für die Liebe zu Gott und für Gottes Liebe zu den Menschen gebraucht. Er schien sich zu eignen, um die Innigkeit und Gefühlsbetontheit der Liebe auszudrücken. Auf jeden Fall wird in dem orige-nistischen Denken die Schau Gottes als das höchste Ziel des Menschen verstanden. Die Agape wird als Vorgang der Läuterung und daher als die Türe zur Schau interpretiert (Evagrios Ponticus; ähnlich auch Maximus Confessor, nach welchem die Liebe eine Seelenverfassung ist, kraft deren der Mensch nichts Seiendes der Erkenntnis Gottes vorzieht}. Es ist jedoch in der Väterzeit gleichzeitig auch eine andere Lehre von der Liebe anzutreffen, daß nämlich gerade die Liebe die wahre Vollendung ist (Chrysostomus; Diado-chus von Photike; Johannes Kassian}.
cd Die Liebe - ihr eigener Lohn
Trotz des gnostischen Einschlages ist das biblische Motiv der Liebe immer lebendig geblieben. Überein-
252
stimmend
wird von allen Vätern gelehrt, daß die Liebe ein
Geschenk Gottes ist und durch die Eingießung des Geistes gewährt wird, daß aber durch dieses Gottesgeschenk alle
Kräfte des Menschen beansprucht werden.
Chrysostomus und Augustinus betonen, daß die Liebe, frei vom Verlangen
nach Lohn, sich selbst der größte Lohn ist.