3. Thomas von Aquin und Joh. Duns Scotus
Während die scholastische Philosophie nur Zu-ständlichkeiten menschlicher Tätigkeitsprinzipien kennt lhabitus operativus), wird die Gnade in der tho-mistischen Theologie als seinshafte Zuständigkeit (habitus entitativus) interpretiert, welche nicht nur die Leichtigkeit und Neigung zu einem bestimmten Handeln gibt, sondern dem Menschen neue »übernatürliche« Existenzweise verleiht. Dieses neue Sein drängt freilich auch zum Handeln, da jedes Sein danach verlangt, sich in Tun auszuwirken und auszudrücken.
Von manchen Theologen (Joh. Duns Scotus} wird der dem gerechtfertigten Menschen einhaftende Seinshabitus als ein Liebeshabitus verstanden. Die Vertreter dieser Meinung berufen sich darauf, daß die Schrift und einige Väter, insbesondere Augustinus, der heiligmachenden Gnade und der dem Gerechtfertigten eingesenkten Liebe dieselben Wirkungen beimessen. Als Sitz dieser so verstandenen Gnade wird
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der menschliche Wille bezeichnet. Die meisten Thomi-sten machen einen sachlichen Unterschied zwischen Liebe und Gnade {vgl. 2 Kor 13,13; 1 Tim 1,14). Gleichviel wie der dem Gerechtfertigten einhaftende Habitus verstanden wird, er stellt eine Ähnlichkeit mit Gott dar. Wenn man die Art dieser Ähnlichkeit näher bestimmen will, so kann man sie mit Augustinus und den Mystikern des Mittelalters als eine Ähnlichkeit mit dem dreipersönlichen Leben Gottes verstehen. Im gerechtfertigten Menschen spiegelt sich jenes fruchtbare Erkennen, durch welches der Vater den Sohn zeugt, und jenes fruchtbare Lieben, durch welches Vater und Sohn den Heiligen Geist hervorbringen. So eng diese Verähnlichung den Menschen an Gott bindet, so ist sie doch von einer Verschmelzung mit dem Wesen Gottes weit entfernt. Sie ist mehr als eine bloße ethische Gesinnungsgemeinschaft und weniger als eine panthei-stische Seinseinheit. Eine Wesenverschmelzung gelehrt zu haben, wurde in der Bulle »In agro dominico« (1329) Meister Eckhart von Papst Johannes XXII. (1316-1334) vorgeworfen, mit Recht.
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