2. Kapitel Teilnahme an der Sohnschaft Jesu

Die Bruderschaft mit dem menschgewordenen Got­tessohn hat zur Folge, daß der Gerechtfertigte in das Sohnverhältnis Jesu zum Vater aufgenommen wird. Gott hat nur einen ewigen Sohn. Christus ist der Ein-

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geborene (Hebr 1,6; Joh 3,16). Dieser Eingeborene ist durch die Menschwerdung zugleich der Erstgeborene der Schöpfung geworden (Hebr 1,6; Kol 1,15), der Erstgeborene unter vielen Brüdern (Rom 8,19-29), der Erstgeborene von den Toten (Kol 1,18). Seine Sohn­schaft erweitert sich zur Sohnschaft ungezählter ange­nommener Kinder. Deren Sohnschaft unterscheidet sich von der Sohnschaft des ewigen Gottessohnes. Man kann sie eine »analoge« Sohnschaft nennen, wenn man sie mit der Sohnschaft des menschgewor­denen Logos vergleicht. Die Verbundenheit und die Verähnlichung mit Jesus ist der Grund für die »Teilnah­me« an jener Beziehung, in der Jesus Christus selbst zu Gott dem himmlischen Vater steht (Joh 1,14}. Auf die­se Sohnschaft zielt die Menschwerdung Jesu Christi. Paulus schreibt an die Römer (8,28ff): »Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, Gott in allem mithilft zum Guten, denen, die nach seinem Ratschluß beru­fen sind. Die, die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorher bestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichge­staltet zu werden, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei, die er aber vorher bestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, die er aber gerecht gemacht hat, die hat er verherrlicht« (vgl. 2 Kor 3,18). An die Galater schreibt Paulus (Gal 3,27ff): »Denn alle seid ihr Söhne Gottes durch den Glauben in Christus Je­sus; denn alle, die ihr in Christus hineingetauft wurdet, habt Christus angezogen.« Daß das Ziel des ewigen göttlichen Heilsplanes diese Sohnschaft ist, wird be­sonders deutlich in dem Briefe an die Epheser: »In Lie­be hat er uns nach seinem freien Willensentschluß in Jesus Christus zu seinen Söhnen vorherbestimmt, da­mit wir die Herrlichkeit seiner Gnade preisen, die er uns in dem geliebten Sohne erwiesen hat« (Eph 1,5f).

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Die Teilnahme an der Sohnschaft des einen ewigen Sohnes geschieht dadurch, daß die vielen seines ewi­gen Geistes teilhaftig werden, so daß er mit ihnen eins ist im Geiste. »Alle, die vom Geiste getrieben sind, sind Gottes Söhne. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, um wiederum in die Furcht vor einem Sklavenhalter zurückzufallen, sondern ihr habt einen Geist der Einsetzung zu Söhnen empfan­gen, in dem wir rufen: Abba, Vater; denn der Heilige Geist bezeugt mit unserem Geiste, daß wir Kinder Got­tes sind. Wenn aber Kinder, dann auch Erben, Erben Gottes, Miterben Christi, wenn anders wir mit ihm lei­den, damit wir auch mit ihm verherrlicht werden« (Rom 8,14-17; vgl. Ga! 4,1-7; Hebr 2,10-14; 3,6; 4,16; Mt6,9>.

Darin sieht Johannes die Wende, daß die Menschen aus der Verknechtung unter die Welt hinüber geführt werden in den Sohnesstand (Joh 1,9-13). Sehr aus­führlich ist der erste johanneische Brief (1 Joh 2,29-3,10): »Wenn ihr wißt, daß er gerecht ist, so er­kennt daraus, daß jeder, der recht tut, aus ihm gebo­ren ist. Seht die große Liebe, die uns der Vater bewie­sen hat: wir heißen Kinder Gottes und sind es auch. Darum kennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht kennt. Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, was wir einst sein werden, ist noch nicht offenbar. Doch wis­sen wir: wenn es einmal offenbar wird, werden wir ihm ähnlich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Wer also auf ihn hofft, heiligt sich, wie auch er heilig ist. Wer sündigt, übertritt das Gesetz, denn die Sünde besteht in der Übertretung des Gesetzes. Ihr wißt, daß er, der Sündenlose, erschienen ist, die Sünden hin­wegzunehmen. Wer in ihm bleibt, sündigt nicht, wer aber sündigt, hat ihn nicht gesehen, noch ihn erkannt. Kindlein, laßt euch von niemandem irreführen. Wer

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recht tut, ist gerecht, wie er gerecht ist. Wer dagegen Sünde begeht, ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Der Sohn Gottes ist dazu erschienen, die Werke des Teufels zu zerstören. Wer aus Gott ge­boren ist, sündigt nicht, weil sein Lebenskeim in ihm lebendig ist. Er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. Daran sind die Kinder Gottes und die Kin­der des Teufels zu erkennen. Wer nicht recht handelt, ist nicht aus Gott, ebenso auch, wer seinen Bruder nicht liebt.«

Der wesentliche Unterschied zwischen der Gottes­sohnschaft des ewigen Logos und der Gottessohn­schaft der Gerechtfertigten liegt darin, daß die letztere ein freies Geschenk Gottes ist. Die Gerechtfertigten sind von Gott als Kinder angenommen (Gal 4,5i. Diese Annahme an Kindesstatt ist allerdings von jeder irdi­schen Adoption innerlich verschieden. Während sie sich im menschlichen Bereich in der juristischen Ebene abspielt und auf die Mitteilung äußerer Dinge be­schränkt, bedeutet die Annahme an Kindesstatt von seifen Gottes jenes göttliche Handeln, durch welches der Mensch in seinem Innersten verwandelt wird (Hebr 4,12f) nach dem Bilde Gottes.

Die Gottessohnschaft aller Gerechtfertigten begrün­det eine Gemeinsamkeit und Gleichheit, die allen Un­terschieden, auch den strukturellen Unterschieden in­nerhalb des Gottesvolkes, vorgelagert ist und diese auf den zweiten Rang verweist.

Der Klarheit und Vollständigkeit halber sei ange­führt, daß das Wort Sohnschaft (nicht Tochterschaft) seinen formalbegrifflichen Ursprung nicht in einer theo­logischen Überlegung hat, ebensowenig wie die männliche Form von Gott, sondern in einer sozio-kulturellen Denkweise. Mit dem Ausdruck ist eine in­nere, ontologische Zugehörigkeit zu Gott ausgesagt,

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die ihre sachliche Analogie in der Zugehörigkeit eines menschlichen Sohnes zum menschlichen Vater bzw. zu den Eltern hat, aber auch in der analogen Zugehö­rigkeit der Tochter zu den Eltern. In der Offenbarungs­perspektive ist eine solche Kennzeichnung des Recht­fertigungsstandes nicht an den einen oder anderen Ausdruck gebunden.

  

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