7.
Kapitel
Opportunität
der Dogmatisierung?
Gegenüber
der Definition der leiblichen Aufnahme Marias in die Herrlichkeit ist vielfach
eingewandt worden, dass sie überflüssig war und vielen Christen eine schwere,
unnötige Glaubenslast auferlege. Pius XII. hat diese Bedenken gesehen und erklärt:
»Wir hegen das feste Vertrauen, diese feierliche Verkündigung und Definition
... werde nicht wenig zum Wohl der menschlichen Gesellschaft beitragen. Sie
gereicht ja zum Ruhme der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, mit der die jungfräuliche
Gottesmutter durch ganz besondere Bande verbunden ist. Sie begründet die
Hoffnung, dass die Gläubigen sich zu einer innigeren Andacht zur himmlischen
Mutter angespornt fühlen werden, dass in allen, die sich des Namens Christi rühmen,
das Verlangen lebendig werde, an der Einheit des mystischen Leibes Jesu
Christi teilzuhaben und ihre Liebe zu mehren zu derjenigen, die für alle
Glieder dieses erhabenen Mystischen Leibes das Herz einer Mutter hat. Es ist
auch zu hoffen, dass durch die Betrachtung des herrlichen Beispiels Marias
mehr und mehr die Einsicht wächst, welch hohen Wert das menschliche Leben hat,
wenn es vollkommen dafür eingesetzt wird, den Willen des himmlischen Vaters zu
erfüllen und für das Wohl der Mitmenschen zu wirken.
Und
ferner lässt sich in einer Zeit, wo die Irrlehren des Materialismus und die
daraus folgende Verderbnis der Sitten das Licht der Tugend zu ersticken und
durch die Entfesselung von Kampf und Krieg so viele Menschenleben zu vernichten
drohen, wohl erwarten, dass die Wahrheit von der Himmelfahrt Marias allen in
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klarem
Lichte zeige, für welch erhabenes Ziel wir nach Leib und Seele bestimmt sind.
Endlich wird der Glaube an die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel den
Glauben auch an unsere Auferstehung stärken und wirksam beleben.«
Aus
dieser Erklärung sei hervorgehoben: An der leiblichen Verklärung Marias wird
sichtbar, zu
welcher Höhe der Vollendung der Mensch durch Christus emporzusteigen
vermag. Maria »herrscht« mit Christus im Himmel. Christus hat auch seinen Jüngern
versprochen, dass sie auf Thronen sitzen und herrschen werden (Mt 19,28).
Ja, jedem Christusgläubigen gilt
die geradezu unglaubliche Verheißung: »Dem Sieger werde ich
verleihen, mit mir auf meinem Throne zu sitzen, wie ja auch ich gesiegt und mich
zu meinem Vater gesetzt habe« (Offb 3,21). Allen Christusgläubigen wird
gesagt, dass sie ein königliches Geschlecht seien (1 Petr 2,9; Offb 5.10; 20,4;
22,5). Die Salbung zum »König« geschieht in der Taufe. Sie erhält ihre
letzte Ausreifung in der Salbung der Krankenölung. Die königliche Würde
der Christusgläubigen besteht darin, dass sie an dem Königtum Jesu Christi
teilnehmen. Maria jedoch übertrifft hierin alle anderen. Deswegen wird sie mit
besonderer Betonung die »Königin des Himmels« genannt. In ihr erfüllt sich
in der Wirklichkeit des Lebens, was in den Gestalten jener »Himmelsköniginnen«
geträumt wurde, welche wir in den Mythen treffen.
Im
Blicke auf Maria wird die Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung und Verklärung
neu belebt. An Maria sehen wir, dass die Verheißungen Christi nicht leere Worte
sind, sondern in Erfüllung gehen. In ihr gewinnt unser Glaube an den
auferstandenen Christus und die Hoffnung auf unsere in Christus grundgelegte zukünftige
Auferstehung gewissermaßen sichtbare Ge-
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stalt.
Die ist für die Lebendigkeit des Glaubens von großer Tragweite.
Den
christusgläubigen Menschen kann jene Versuchung anfechten, vor welcher im
zweiten Petrusbrief gewarnt wird (3,4). Es ist eine in der Länge der Zeit begründete
Anfechtung. Die zeitliche Ferne zwischen Christus und den Gläubigen droht den
Ernst und die Tragweite des Auferstehungsglaubens zu nivellieren. Das Gleiche
gilt von der Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung.
Der
Gedanke an die Auferstehung von den Toten hat an sich etwas Grundstürzendes. Er
verändert unsere Deutung der Welt und des Lebens von der Tiefe her. Er steht
aber immerfort in der Gefahr, dass er wie eine abgegriffene Münze wird, dass er
auf die Christusgläubigen wenig Kraft ausübt, weil die Welt weiterläuft,
wie wenn es immer so bliebe. Da rückt Gott in der verklärten Gestalt Marias
uns gewissermaßen auf den Leib, so dass in der Begegnung mit ihr der Auferstehungsglaube
und die Auferstehungshoffnung konkrete, lebendige Wirklichkeiten werden.
Vielleicht liegt darin einer der Gründe, warum dem Dogma von der Aufnahme
Marias in den Himmel mancherorts soviel Widerstand begegnete.
Die
Botschaft von der Auferstehung von den Toten hat für den bloß nach den Maßstäben
der Erfahrung denkenden Menschen etwas Beunruhigendes, ja etwas Unglaubliches.
Als Paulus sie vor dem römischen Richter Festus verkündete, wurde er von ihm
ebenso verlacht, wie die Athener sich über ihn lustig machten, als er auf dem
Areopag von der Auferstehung der Toten sprach (Apg 17,32; 26,23f). Solange die
Auferstehung von den Toten nur im Worte verkündet und nur im Worte geglaubt
wird, kann man sich über ihre Tragweite für unser Selbstverständnis und für
unser Welt-
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Verständnis
hinwegtäuschen. Man kann gewissermaßen ausweichen. Die Auferstehung Marias
bringt uns den Realitätscharakter des Auferstehungsglaubens mit großer
Intensität nahe, so dass man ihm standhalten und ihn entweder beglückt
bejahen oder verärgert und beunruhigt bezweifeln oder verneinen muss. So hat
das Dogma für den christusgläubigen Menschen eine kritische Funktion. An ihm
gerät der Glaube in der Tat in eine Krisis, das heißt in eine Entscheidung,
welche seinen Ernst offenbart oder seine Schwäche desavouiert.
Für
den christusgläubigen Menschen wird die leibliche Aufnahme Marias in den
Himmel ein Unterpfand dafür, dass die Auferstehung des Herrn Wirklichkeit ist
und dass unsere eigene Auferstehung Wirklichkeit wird. An ihr wird sichtbar,
dass Christusverbundenheit sich im Leibe auswirkt. Es wohnt ihr eine unerschöpfliche
Dynamik inne, die erst zur Ruhe kommt, wenn der christusverbundene Mensch völlig
umgestaltet ist nach dem Bilde Christi, so dass er in seiner Gesamtexistenz
ein Abbild des auferstandenen, zur Rechten des Vaters sitzenden Herrn ist. Wenn
dies an Maria schon geschah, so hat das seinen Grund in ihrer besonderen
Beziehung zu Christus. Es hat jedoch darüber hinaus für uns vorbildhaften
Charakter. An ihrer Aufnahme in den Himmel wird die Dynamik, welche Jesus
Christus über seine Gläubigen ausübt, greifbar. Die leibliche Verklärung
Marias hat daher sowohl christologische als auch anthropologische Bedeutung.
Dass
Gott durch das kirchliche Lehramt in der Gegenwart eine solche Bürgschaft für
unsere Hoffnung auf die vollendete Zukunft gewährt, hat noch einen tiefen Grund
in der geistigen Lage der Zeit. Angesichts der vielen Zusammenbrüche unserer
Zeit, der zahlreichen und tiefgehenden Bedrohungen der menschli-
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chen
Existenz, des weitverbreiteten theoretischen und praktischen Materialismus kann
den Menschen die Versuchung anfechten, an dem Sinn des Daseins zu verzweifeln
und in dem Irdischen und seinen materiellen Gütern das Ganze des Lebens zu
sehen. In dieser Not gibt die Kirche die Versicherung: Das Einzelleben und die
gesamte Geschichte geht einer letzten leibhaftigen Erfüllung entgegen. Das
materielle Dasein hat in seiner jetzigen Gestalt vorläufige Bedeutung, es wird
aber nie völlig untergehen. Vielmehr wird es in einen verklärten Zustand
verwandelt werden und in ihm ewig weiter bestehen. So wird der Materialismus als
Häresie gebrandmarkt und dennoch die Berechtigung des Materiellen anerkannt.
Ja, es wird seine ewige Existenz in verklärter Wirklichkeitsmacht verkündet.
Dies alles tritt uns in der verklärten Mutter Gottes wie in einem allen
sichtbaren Bilde vor das Auge.
Letztlich
ist die leibliche Verklärung Marias eine Offenbarung von Gottes Macht und
Herrlichkeit. Nicht aus eigener Kraft kann sich der Mensch zu dieser Vollendung
erheben. Nur Gott kann sie ihm schenken. Der Vater wirkte sie an Maria durch
Christus im Heiligen Geiste. So gereicht die Verkündigung des Dogmas »zum
Ruhme der allerheiligsten Dreifaltigkeit« (Dog-matisierungsbulle). Gott gebührt
die Ehre. Denn er hat in der leiblichen Verklärung Marias vollendet, was er in
ihrer Erwählung zur Mutter seines Sohnes begonnen hatte. Er krönte sein
eigenes Werk.
Für
weitere einschlägige Fragen siehe Band 6, 2. Bezüglich des Verhältnisses der
Auferweckung Marias zu jener der übrigen Menschen, siehe Söll, a.a.O. 248-250.
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