3. Kapitel

 

 Die einzelnen Glaubensstationen nach der Schrift

 

Nach dem glücklichen und schweren Gesetz, nach welchem Marias Leben begonnen hat, geht es weiter. Ihre Mutterschaft ist für sie eine ständige Bewährung des Glaubens. Sie schenkt ihrem Kinde das Leben un­ter bedrückenden äußeren Umständen. In dem sich ihr

 

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verschließenden Bethlehem muss sie den Gottessohn in großer Armut gebären. Vor dem Hasse des Herodes muss sie das Kind durch die Flucht retten. Ihr Flücht­lingsdasein ist wie ein Symbol des geistigen Pilgerwe­ges, den sie nach Abrahams Vorbild im Glauben geht. Seinetwegen ist sie gezwungen, statt im häuslichen Frieden der Heimat zu leben, in Ägypten unter einem heidnischen Volke ohne die gemeinsamen Feste zu verweilen. Es ist dies wie ein Sinnbild jener Fremde und Heimatlosigkeit, welche durch Christus in die Welt gekommen ist und dem Christusgläubigen, der sich zu den Hausgenossen Gottes zählt und sich in der Himmelsstadt beheimatet weiß, auferlegt ist. Da musste sich die Frage erheben: Ist denn Gott nicht mächtig genug, seinen eigenen Sohn gegen menschlichen Hass zu schützen? Wo bleibt der Glanz jener Gottesherrlich­keit, den das Alte Testament verkündete? Maria er­lebt, so scheint es, immerfort das Gegenteil von dem, was der Engel von ihrem Kinde vorhersagte. Er hat ja Herrschaft und Reich in unzerstörbarer Kraft und un­vergänglicher Dauer geweissagt.

Ausdrücklich wird Maria in der Prophetie des grei­sen Simeon im Tempel als die Mutter der Schmerzen bezeichnet (Lk 2,22-35). Sie hört zunächst: »Nun ent­lässest du, o Herr, nach deinem Worte deinen Diener im Frieden. Denn meine Augen haben dein Heil gese­hen, das du bereitet hast vor dem Angesichte aller Völ­ker, als ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.« Maria und Josef wunderten sich über die Dinge, welche von Jesus ge­sagt wurden. Dann aber vernahm Maria die Kunde: »Siehe, dieser ist gesetzt zum Falle und zur Auferste­hung vieler in Israel und als ein Zeichen, dem man wi­dersprechen wird. Und ein Schwert wird deine eigene Seele durchdringen, damit die Gedanken vieler Herzen

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offenbar werden.« Maria hörte aus dem Munde Sime-ons Ungewohntes, Neues, Fremdartiges und Seltsa­mes. Offensichtlich war Simeon tiefer in das Geheim­nis des göttlichen Heilsplanes eingeweiht als sie, die Mutter. Es ist, als ob sie selbst nicht in jene traute Nä­he Gottes gezogen wäre wie Simeon, der Fremde (Joh 15,15).

War dies für Maria schon eine bedrückende Erfah­rung, so wurde die Prüfung gesteigert durch den In­halt dessen, was ihr Simeon ankündigte. Er wies auf kommendes Leid hin, das sie um ihres Kindes willen ertragen musste, von dem sie verschont geblieben wä­re, wenn ihr nicht die Erwählung zur Mutter des Mes­sias zuteil geworden wäre. Im Gegensatz zu der Erwar­tung, die sie sowohl nach der Engelsbotschaft als auch nach der alttestamentlichen Verheißung haben durfte, wird von Simeon, der vom Heiligen Geiste in den Tem­pel geführt worden war und im Heiligen Geiste sprach, verkündet, dass dem Messias in Israel widersprochen werden wird. Er wird Feindschaft finden. Maria muss es ertragen, wenn sie den Unglauben gegenüber dem Messias sehen wird. Es wird ein Leid sein, das dem Schwertstoß vergleichbar ist, der in die Seele dringt und tötet. An Christus werden die Herzen der Men­schen offenbar werden. Durch ihn werden sie vor die Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen dem Glauben an Gott und dem Unglauben gestellt werden. Christus wird für die Menschen zum Gerichte werden. Maria hält dieser unerwarteten, ja unverständlichen Ankündigung Simeons stand. Sie empfing sogar von ihm den Segen. Simeon segnete Maria und Josef um des künftigen Leidens Jesu willen.

Marias Glaube wankte und schwankte nie unter dem Andrang des Unverstandenen und Unbegreifli­chen. Sie wurde an ihrem Sohne nicht irre, da sie sei-

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ne Hilflosigkeit und Schwäche in Bethlehem und Naza-ret sah, da sie ihm als Mutter alle die zahllosen Dienste leistete, die eine Mutter ihrem Kinde Tag und Nacht leistet. Sie wuchs immer tiefer in Gottes unbegreifli­ches Geheimnis hinein. Sie löste sich immer stärker von den eigenen Vorstellungen, die sie von ihrem Soh­ne haben musste.

In ein besonders tiefes Dunkel des Glaubens wurde Maria durch ihr Erlebnis mit dem Zwölfjährigen im Tempel hineingeführt. Nichts in ihrem bisherigen Le­ben war so peinigend wie das wortlose Fernbleiben des Kindes von Vater und Mutter. Wie fassungslos Maria war, spüren wir in der Frage: »Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht« (Lk 2,41 -50). Es wurde schon früher über den Sinn dieser Szene gesprochen. Hier sei folgendes hinzugefügt: Maria hatte offensicht­lich kein umfassendes und klares Bild von dem Sinn und Zweck dieser Heimsuchung. Sie war hierüber nicht erleuchtet. Sie hörte, dass der Vater im Himmel ihrem Kinde das Gesetz seines Lebens vorschreibt. Nicht der Friede und die Geborgenheit häuslichen Zu­sammen­le­bens dürfen Jesu Tun bestimmen. Maßge­bend ist allein der Auftrag des Vaters. Um seinetwillen muss sich Jesus von den Eltern trennen, vorerst nur ein paar Tage, aber sie werfen ihren Schatten voraus auf den kommenden Abschied und die dauernde Tren­nung. Maria versteht ihren Sohn nicht. Sie konnte nicht begreifen, was er ihr mit all dem sagen wollte. Er lebt aus einer Welt, deren vertrauter Mitwisser er allein ist. Seiner Mutter ist sie noch nicht aufgeschlossen.

Man kann nicht, um die Schwere dieser Heimsu­chung abzuschwächen, darauf hinweisen, dass Maria um die Botschaft des Engels, um die jungfräuliche Ge­burt und um die Weissagung Simeons gewusst hat.

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Ließen nicht gerade diese Ereignisse das Verhalten ih­res Kindes noch seltsamer erscheinen? Man kann auch nicht sagen, dass Maria, wie ihr Hochgesang bei der Base Elisabeth zeigte, so von ihrer Sendung erfüllt war, dass keine Heimsuchung ihr das Bewusstsein hiervon rauben konnte. Vielleicht darf man ihr Leben verglei­chen mit dem der Propheten, die das eine Mal über Menschenhöhe hinausgehoben waren und darin eine Kraft hatten, welche die Geschichte aus den Angeln hebt, ein anderes Mal aber zerschlagen und in Ohn­macht und Finsternis den Unsicherheiten und Stür­men des Daseins ausgesetzt sind. Von dem Glanze der Verkündigungsstunde und des Besuches bei Elisabeth fiel kein Licht in die Seele Marias, als sie ihr Kind drei Tage suchte.

Indes, gerade dieses Geschehen zeigt, dass die Grö­ße Marias nicht erstlich von dem Maße ihrer Einsicht, sondern von dem Maß ihres Glaubens und ihrer Liebe bestimmt wird. In ihrer Liebe war sie der Stunde ge­wachsen. Wenn ihr Geist Verhalten und Wort des Sohnes auch nicht durchdringen konnte, so hat sie doch alles, was sie erfuhr, in ihr Herz aufgenommen und dort wie einen wertvollen Schatz bewahrt. In ih­rem Herzen hat sie dem dunklen Geheimnis Gottes standgehalten.

Das Gleiche gilt von dem Ereignis zu Kana und von dem Vorkommnis, welches Markus in Kap. 3,20-35 be­rich­tet.

Was Maria mit ihrem Sohne erfuhr, machte sie reif für die schwerste Stunde, die Gott ihr schickte, für die Stunde der Qual, der Schande und des Todes ihres Sohnes. Was war da von der Verheißung des Engels noch übrig geblieben? Schien nicht alles zusammenzu­brechen? Statt der verheißenen Herrschaft und des in Aussicht gestellten Reiches gab es Verurteilung und

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Hinrichtung. Wie konnte Gott seinen Sohn in diese Qual und Schmach fallen lassen? Marias Glaube blieb auch in dieser Stunde ungebeugt und ungebrochen. Die Kraft ihrer Liebe und ihrer Hingabe an den Willen des Vaters, der immer neue Überraschungen für sie bereit hatte, war zu solcher Stärke herangewachsen, dass sie auch das Kreuz mit lebendigem Glauben um­fangen konnte. Sie war jeder Heimsuchung durch ih­ren Glauben und ihre Liebe gewachsen. Sie kannte keine Verzweiflung, obwohl ihre Situation, menschlich gesehen, verzweifelt war.

Die Synoptischen Evangelien erzählen zwar nichts davon, dass Maria während der Leidenswoche in Jeru­salem war. Sie nennen nur »viele Frauen, die von ferne der Kreuzigung zusahen« (Mt 27,55f). Nach Johannes (19,26) aber standen Maria und Johannes unter dem Kreuze der Qual und der Erniedrigung. Maria folgte dem Zug aus der Stadt zu dem Berge, auf dem das Kreuz errichtet wurde. Zuletzt stand sie unter dem Kreuze und blickte zu ihrem gekreuzigten Sohne empor. So hat sie aus dem Munde ihres Sohnes zum letzten Male Gottes Wort gehört, welches sie in ihrem Herzen auf­bewahrte. Jetzt mochte sie den prophetischen Spruch Simeons vom Schwerte verstanden haben. Aber sie wird auch die Erfüllung der alttestamentlichen Schrift vernommen haben, als sie vom Kreuze herab einen Vers aus Psalm 21 hörte: Mein Gott, mein Gott, wa­rum hast du mich verlassen?

In ihrem Glauben an den Sohn ist sie imstande, aus seinem Munde das Wort »Frau« zu hören, mit dem er sich noch einmal von ihr zu entfernen scheint, und es zu ertragen, dass nicht mehr er ihr Sohn ist, sondern dass hinfort ein anderer dies sein sollte, Johannes, der neben ihr steht. Der bisher ihr Sohn war, steht als Er­löser und Mittler der Welt allein auf dem Gipfel der

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Schöpfung vor Gottes Gerechtigkeit. Aber gerade in­dem sie in fragloser, vorbehaltloser Bereitschaft, ohne Zaudern und Zögern, im Glauben den Willen Gottes er­greift, steht sie ihm näher, als es durch die innigste Ver­­bundenheit im Leiblichen jemals erreicht werden kann (siehe die Konst. »Lumen gentium« Art. 57). Unter dem Kreuze wurde sie in höchstem Maße die Jüngerin ihres Sohnes. Da galt von ihr die Seligpreisung, welche Chri­stus den Glaubenden zollt. Wie wir früher schon sahen, hat Christus den Zuruf einer Frau, welche Maria ob ihrer Mutterschaft seligpries, aufgenommen und weiterge­führt, indem er sagt: »Ja, selig, die das Wort Gottes hö­ren und befolgen.« Die Mutter ist seligzupreisen, weil sie zu denen gehört, die Gottes Wort hören und im Glauben erfüllen. Unter dem Kreuze hat für Maria diese Seligpreisung ihre höchste Geltung erreicht. Den Sieg ihres Sohnes über das furchtbare Sterben hat sie mit den treu Gebliebenen oder wieder Bekehrten in Gebet und »Brotbrechen« feiern dürfen, als sie mit den Apo­steln und anderen an ihren Sohn Glaubenden den von ihm verheißenen Heiligen Geist erwartete.

So gewann Maria ihre Vollendung, indem sie sich selber immer mehr aufgab und immer lebendiger aus dem göttlichen Du heraus lebte. Wie der Sünder in der Verweigerung der Liebe und des Gehorsams, in dem Versuch, selbstherrlich sein Leben zu gestalten, den Tod findet, so fand sie in der Liebe und dem Gehorsam das Leben. Sie erreichte sozusagen ihre Identität da­durch, dass sie das Wort Jesu ohne Rückhalt befolgt: Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen.

Ein kurzer Blick in den Ablauf der Überlieferung wird zeigen, dass sich die Überzeugung von Marias Gottver­bundenheit nach Art einer aufsteigend, mit wenigen unbedeutenden Einknickungen in den ersten Jahrhun­derten verlaufenden Kurve zur Höhe entwickelt hat.

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