2.
Die Väter
a)
Ostkirche
Man
muss in der Darstellung der dogmengeschichtlichen Entwicklung unterscheiden
zwischen der Ostkirche und der Westkirche. Es gibt in der Ostkirche infolge
der dortigen Kirchenverfassung keine einheitliche Entscheidungsstelle wie in der
lateinischen, der westlichen Kirche. Abgesehen von einigen Unsicherheiten bei
den Vätern, welche in dem Worte Simeons im Tempel, dass Maria ein Schwert
durchbohren wird, den Hinweis auf Glaubenszweifel sahen, wird sowohl von den Vätern
der Ostkirche wie jenen der Westkirche mit großem Nachdruck die volle Sündenfreiheit
Marias betont. Eine besondere Rolle spielten hierbei die Kappadokier Gregor von
Nazianz, Gregor von Nyssa und Basilius. Sie vertraten Ansichten über die Sündenlosigkeit
Marias, aus denen wie aus lebendigen Keimen sich im Laufe
der Zeit die Lehre von der »Unbefleckten Empfängnis« Marias, d.h.
von ihrer Erbsündenfreiheit entwickeln konnte.
Ein
retardierendes Moment in dem Gange der Geschichte bis zur Dogmatisierung der
Erbsündenfreiheit bedeutet überraschenderweise Augustinus. So sehr er die
volle Freiheit Marias von persönlichen Sünden unterstrich, so setzte er
durch seine Ansicht, dass durch den geschlechtlichen Verkehr im Schoße der
jeweiligen Mutter ein durch die Erbsünde befleckter Leib hervorgebracht
wird, in den Gott nach einiger Zeit die Seele einschaffe, einer weiterführenden
Reflexion einen Riegel vor. So hinderte ihn diese Vorstellung daran, die
Erbsündenfreiheit in den Augenblick der Emp-
213
fängnis
zu verlegen. Die Erbsünde wurde in dieser heute überholten Interpretation
unmittelbar auf den Leib bezogen, nicht auf die von Gott dem Leibe eingeschaffene
Seele, d.h. nicht auf die Person des im Schoße der Mutter entstandenen Wesens.
Im
einzelnen seien folgende Väter ausführlicher angeführt.
In
der XVII. Homilie zum Lukasevangelium trägt Ori-genes seine Gedanken über
Simeons Weissagung vor: »Was ist das nun für ein Schwert«, so fragt er, »welches
nicht nur durch das Herz der andern, sondern auch durch das Herz Marias
hindurchgehen wird? Es steht deutlich geschrieben, dass zur Zeit seines Leidens
alle Apostel an ihm irre geworden sind, da der Herr selbst sagt: ,lhr alle
werdet in dieser Nacht an mir Ärgernis nehmen' (Mt 26,31). Sie haben also
alle an ihm Ärgernis genommen, so dass selbst Petrus, der Fürst der Apostel,
ihn zum dritten Mal verleugnet hat. Wie nun? Können wir annehmen, dass, wenn
die Apostel Ärgernis genommen haben, die Mutter des Herrn vom Ärgernis frei
geblieben ist? Wenn sie beim Leiden des Herrn nicht an ihm irre geworden ist, so
ist Jesus nicht für ihre Sünden gestorben. Wenn aber alle gesündigt haben und
der Herrlichkeit des Herrn bedürfen, um durch seine Gnade gerechtfertigt und
erkauft zu werden, so ist auch Maria schlechterdings zu jener Zeit an ihm irre
geworden. Und das ist es, was Simeon prophezeit. Auch deine Seele, meint er,
die du weißt, dass du als Jungfrau ohne Mann geboren, die du von Gabriel gehört
hast: ,Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten
wird dich überschatten', auch deine Seele wird das Schwert der Ungläubigkeit
durchdringen, von der Spitze des Zweifels wirst du getroffen werden, und deine
Gedanken werden dich hin und her zerren, wenn du siehst, wie
214
jener,
den du Sohn Gottes nennen hörtest, den du ohne Mannes Samen gezeugt wusstest,
gekreuzigt wird und stirbt, menschlicher Qual unterworfen ist und zuletzt
jammervoll klagt und spricht: ,Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch
an mir vorüber'.«
Unbedenklich
hat der Kappadokier Basilius diese Erklärung der Weissagung des greisen
Simeon übernommen. In dem Brief 260, in welchem er exegetische Fragen
beantwortet, führt er aus: »Mit ,Schwert' bezeichnet Simeon das prüfende
Wort, das die Gedanken scheidet, das bis zur Mitte des Herzens und Geistes
dringt, das Mark erfasst und die Gesinnung erprobt. Da nun jegliche Seele anlässlich
des Leidens (Christi) sozusagen einer gewissen Erprobung unterworfen wurde gemäß
dem Wort des Herrn: ,lhr werdet alle an mir irre werden', so weissagt nun
Simeon auch über Maria selbst: ,Wenn du unter dem Kreuz stehst, all das siehst
und hörst, was um dich vorgeht, dann wird auch über deine Seele eine gewisse
Erschütterung kommen und das nach der Botschaft eines Gabriel, nach dem göttlich-wunderbaren
Erlebnis deiner unaussprechlichen Niederkunft, nach dem großartigen Aufweis der
Wundertaten.’ Musste doch der Herr wegen eines jeden den Tod verkosten und zum
Mittel der Erlösung für die Welt werden, um alle in seinem Blut zu
rechtfertigen. Auch über dich nun, die vom Himmel her über den Herrn
unterrichtet ist, wird eine Prüfung kommen, damit die Gedanken vieler Herzen
offenbar werden. Man vermutet nun, dass nach dem Ärgernis, das den Aposteln
unter dem Kreuz zuteil geworden war, auch für Maria vom Herrn eine rasche
Heilung folgen sollte, die ihrer aller Herzen im Glauben an ihn festigte« (PG
32, 965).
Um
diese überraschende Meinung des heiligen Basilius würdigen zu können, müssen
wir bedenken, dass
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er
die vollkommene und unbefleckte Jungfräulichkeit und Reinheit Marias und die
allgemeine Erlösungsbedürftigkeit zugleich zu verteidigen hat. Es ist ihm
nicht gelungen, hierfür eine befriedigende, alles zusammenfassende Formel zu
finden. Er war auch von dem Gedanken beeindruckt, dass Maria in ihrem Leben
Fortschritte in der Vollkommenheit und im Heilsverständnis machte, weil sie
noch eine Pilgerin und eine Glaubende war. Außerdem lag ihm sehr am Herzen,
die volle Sündenlosigkeit Jesu Christi von der Situation aller übrigen
Menschen, auch von jener seiner eigenen Mutter, gebührend abzuheben. Erst einer
späteren Zeit ist es gelungen, alle diese Anliegen und Wahrheiten in eins zu
schauen.
Die
Meinung des Origenes und des in dieser Frage von ihm beeinflussten Gregor von
Nyssa hat Amphilo-chius von Ikonium abgeschwächt. Er weist in seiner
Hypapantepredigt (Kap.8) auf die schwere Heimsuchung hin, welche Maria unter
dem Kreuze befiel und, wie er meinte, in Verwirrung setzte. Simeon habe das
Kreuz als Zeichen des Widerspruches geweissagt. Das Kreuz sei als Schwert des
Schmerzes in die Jungfrau Maria eingedrungen. Amphilochius nähert sich der
au-gustinischen Form, dass das von Simeon geweissagte Schwert die Trauer und der
Schmerz seien, welche Maria beim Tode ihres Sohnes bestehen musste.
Von
den ostkirchlichen Theologen sei besonders Johannes von Damaskus herausgehoben
(gest. um 750). Nach ihm ist die Reinigung Marias als Disposition für die Empfängnis
Christi gedacht. Wenn die Reinigung Marias als Disposition für die Empfängnis
Christi verstanden wird, kann sie unbegrenzt in vorausgehende Lebensphasen zurückverlegt
werden. Der Gedanke des Damaszeners liegt also auf dem Wege zum Dogma von der »Unbefleckten
Empfängnis«.
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Vor
ihm haben mit Vorliebe die Kappadokier die Reinheit Marias gepriesen. Nur weil
ihr die Reinheit in hohem Maße eigen war, konnte sie die ihr vom Engel überbrachte
Botschaft aufnehmen. Was nicht rein ist, kann nicht ohne Gefahr Reines berühren
(Gregor von Nazianz, Rede 27,5). Nur die Reinheit kann die Gegenwart und das
Kommen Gottes ertragen (Gregor von Nyssa, De virginitate, 2). Maria wird von
ihnen auch heilig genannt, und zwar nicht in jenem Sinn, in welchem Paulus die
christusgläubigen Menschen Heilige nennt, sondern in dem Sinne einer besonderen
Zugehörigkeit zu Gott durch ein vollkommenes Leben. Die Benennung Marias als
Heilige ist eine auszeichnende Charakterisierung. Ihre Heiligkeit ist, wie die
Kappadokier in Verwertung neuplatonischer Denkformen sagen, Teilnahme an der
Heiligkeit Gottes. Dies erklärt z. B. Gregor von Nyssa (Brief 3).