4. Alttestamentlicher Vorentwurf der Jungfräulich­keit?

 

Bei Jes 7,14 wird dem König Achaz ein Gotteszei­chen verheißen. Es besteht darin, dass die »Alma« (Jungfrau oder junge Frau) einen Sohn gebären und sie ihm den Namen »Immanuel« geben wird. Wer ist die Alma? Wer ist der Sohn?

Die Rabbinen waren der Meinung, Jesaja habe un­ter dem Kinde den Sohn des Königs Achaz, den Eze-chias, verstanden. Die alma sei die Königin. Nach die­ser Deutung würde also alma die junge Frau bedeuten. Wie wenig der Gedanke der Jungfrauengeburt dem Judentum bekannt war, zeigt sich darin, dass der christliche Glaube von der Jungfrauengeburt von den Juden jahrhundertelang erbittert bekämpft wurde. Ju­stin lässt in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon (Kap. 53; 66,1-85,7) den jüdischen Rabbi die soeben angegebene These vertreten. Die rabbinische Exegese wird auch heute noch vertreten. Eine andere Deutung behauptet, das von Jesaja gemeinte Zeichen bestehe darin, dass sich im Kinde überhaupt Gott offenbart. Danach ist jedes Kind »Emmanuel.«

Die Schwierigkeit dieser Interpretationen liegt darin, dass sie den Zeichen-Charakter des von Jesaja in Aus­sicht gestellten Zeichens zu wenig bestimmt hervortre­ten lassen. Gleichviel, ob eine der angegebenen Deu­tungen richtig ist oder nicht, das jungfräuliche Ver­ständnis findet sich im vorchristlichen Judentum nir­gends. Infolgedessen konnte der Gedanke einer jung­fräulichen Empfängnis und Geburt nicht aus dem Ju­dentum kommen.

Matthäus beweist denn auch die jungfräuliche Emp­fängnis und Geburt Jesu nicht durch den Jesaja-Text. Er berichtet sie vielmehr als eine ihm bekannt gewor-

 

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dene Tatsache und deutet von diesem tatsächlichen Vorgang aus rückblickend den Jesaja-Text. Aus dem tatsächlichen Vorgang lässt sich der wahre Sinn von Jesaja 7,14 feststellen. Die Weissagung ist daher nicht ein Leitmotiv für das Verständnis der »Erfüllung«, viel­mehr ist die »Erfüllung« ein Leitmotiv für das eigentli­che Verständnis der Weissagung. Die Zukunft wird hier nicht aus der Vergangenheit deutbar, sondern ist das Motiv für das Verständnis der Vergangenheit. Da­bei wird allerdings in die Jesaja-Stelle nicht ein völlig fremder Sinn hineingetragen, sondern ihr tiefer Sinn herausgeholt, jener Sinn, den Gott meinte, den aber die Menschen lange nicht erfasst haben. Nun wird er endlich verstanden.

Wenn man fragt, woher Jesaja den Gedanken von der Jungfrauengeburt, den weder seine Zeitgenossen noch die auf ihn folgenden jüdischen Generationen ge­kannt haben, eventuell beziehen konnte, so wird von der Religionsgeschichte geantwortet, Jesaja folge hier uralten orientalischen Mythen. Nach ihnen, so sagt man, wird ein göttliches Wunderkind aus einer Jung­frau geboren, um ein glückliches Zeitalter heraufzu­führen. Diese Antwort ist jedoch, wie H. v. Campen­hausen be­wie­sen hat, nicht haltbar.

Der von Gott gemeinte Heilssinn wird erst durch Matthäus erschlossen. Matthäus ist jedoch nicht der Erfinder der Jungfrauengeburt. Sie wird auch von Lukas bezeugt. Matthäus und Lukas sind voneinander unabhängig. Keiner von ihnen ist der Schöpfer des Glaubens. Jeder ist vielmehr nur sein Zeuge. Der Glau­be selbst ist älter. In der Tat wird auch hinter der heuti­gen Textgestalt der Kindheitsgeschichte bei Matthäus und bei Lukas die hebräische bzw. aramäische Urgestalt sichtbar. Das »Evangelium hinter dem Evangeli­um« ist in jeweils anderer Form dem Lukas und dem

 

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Matthäus zugeflossen. Beide schöpfen aus der Über­lieferung. Zu beiden kamen verschiedene voneinander unabhängige Überlieferungsströme. Ihre Heimat ist Galiläa.

Die Kunde von der Jungfrauengeburt geht auf Ma­ria selbst zurück. Das Ereignis wird jedoch im Zusam­menhang mit dem Alten Testament gesehen. Die Worte, in denen der Engel mit Maria spricht, bezeich­nen das, was an ihr geschehen soll, als Erfüllung und Über­höhung alttestamentlicher Verheißung.

In dem Engelsworte wird die Prophetie angeführt, die Maria aus Jesaja kannte. Es wird ihr außerdem in Aussicht gestellt, dass ihr Sohn den Thron des Vaters David besteigen soll, dass er über Jakobs Haus herr­schen soll in Ewigkeit. Was der Engel verkündete, war also jenes Ereignis, auf das sich das ganze Alte Testa­ment zubewegte. Das Alte Testament war durch eine besondere Gegenwärtigkeit Gottes in Israel bestimmt. Die Bundeslade war hierfür das sichtbare Zeichen (Dtn 10,1-5; Ex 25,10-22; 26,33f). Nun hört Maria aus dem Munde des Engels, dass die Gegenwart Gottes durch sie und in ihr ihre Aufgipfelung und ihre Endgültigkeit erfahren soll. Schon im Namen ihres Sohnes wird sich Gottes neue und immerwährende Gegenwart unter den Menschen ausdrücken. Denn sein Name wird sein »Immanuel«, Gott mit uns.

Die Texte enthalten sowohl den Bericht über die Empfängnis und die Geburt des ewigen Gottessohnes als auch über den jungfräulichen Charakter dieser Ge­scheh­nisse. Empfängnis und Geburt gehören eng zu­sammen. Man kann das eine nicht erklären ohne das andere.

 

 

 

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