4. Kapitel

 

Die Jungfräulichkeit Marias in der Geburt

 

Man muss also unterscheiden zwischen der Jungfräu­lichkeit in der Empfängnis, in der Geburt und nach der Geburt. Es soll hier insbesondere auf die Jungfräulich­keit in der Geburt hingewiesen werden. Sie wurde nicht wie jene in der Empfängnis von Anfang an von allen

 

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Kirchenvätern bejaht. Diese spürten das Problem, ob die Realität der menschlichen Natur gegenüber allen gnostischen Behauptungen und Tendenzen mit der nötigen Festigkeit gelehrt werden könne, wenn die Geburt schmerzlos und ohne Verletzung erfolgte. Manche Väter waren der Meinung, die Realität könne nur aufrechterhalten werden, wenn man eine Geburt auf dem gewöhnlichen Wege annimmt. Die Schmerz-losigkeit und Unversehrtheit schien manchen von ih­nen nur die Annahme einer Scheingeburt zu erlauben.

Im Laufe der Zeit hat sich sehr bald die Lehre von der wesenhaften Zusammengehörigkeit von Jungfräu­lich­keit in der Empfängnis und in der Geburt durchge­setzt. Der sehr früh auftauchende Begriff von der »im­mer­währenden« Jungfräulichkeit Marias drückt die genannte dreifache Jungfräulichkeit indirekt aus.

Das Wesen der leiblichen Unversehrtheit genau zu kennen, welche von der Offenbarung gemeint ist, steht uns nicht zu. Weil sie eine Gegebenheit der Of­fenbarung ist, nimmt sie teil am Geheimnis, das die ganze Offenbarung darstellt. Die Theologie vermag das Geheimnis ins Licht zu stellen, es aber nicht völlig zu durchleuchten. In ihm scheint Gottes Macht in neu­em Glanze auf.

Die Väter vergleichen die jungfräuliche Geburt Chri­sti mit dem Durchgang des Sonnenstrahls durch das Glas, mit dem Hervorgang Christi aus dem versiegel­ten Grabe, mit seinem Eintritt durch verschlossene Tü­ren, mit der Entstehung eines Gedankens im menschli­chen Geiste. Diese Vergleiche können jedoch bloß die Richtung angeben, in welche wir blicken müssen, um auf das Geheimnis der jungfräulichen Geburt hinzuse­hen. Würde man in ihnen mehr als ferne Andeutungen sehen, dann würden sie zu einer Gefährdung der Wirk­lichkeit des Leibes und der Geburt Jesu.

 

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Vielfach verband sich in der Väterzeit mit der Vor­stellung von der Jungfräulichkeit Marias in der Geburt ein ausgesprochener Realismus. Die Väter wussten das »Wie« nicht zu erklären, wenngleich sie das »Dass« be­zeugen. Ihre Sorge war, die Geburt einerseits nicht in ein Scheingeschehen abgleiten, sie andererseits nicht in den Naturalismus einer gewöhnlichen Geburt eineb­nen zu lassen. Weil sie beides betonen, die Jungfräu­lichkeit und die Realität der Geburt, bald mehr das ei­ne, bald mehr das andere, kann der Eindruck entste­hen, als ob sie entweder die Jungfräulichkeit in der Geburt oder die Realität zu kurz kommen ließen. Es tritt hierbei die Grenze der menschlichen Vorstellungs­kraft und der menschlichen Sprachmöglichkeit gegen­über dem Geheimnis zutage.

Auch die kirchlichen Lehräußerungen geben über das »Wie« keine Erklärung. Dies dürfte auch mit unse­ren Vorstellungen und Begriffen unmöglich sein. Wie schon betont wurde, besteht über die Faktizität der Jungfräulichkeit »in« der Geburt Marias keine aus­drückliche Lehrdefinition. Die kirchliche Lehre hier­über ist enthalten in den umfassenden Entscheidun­gen über die »immerwährende« Jungfräulichkeit Ma­rias sowie in der täglichen kirchlichen Lehrverkündi­gung und tritt auch in Lokalsynoden ans Licht.

Die Synode von Mailand (390) hat unter dem Vorsitz des Ambrosius die Lehre Jovinians verurteilt, welcher die Jungfräulichkeit in der Geburt leugnete. Ambrosi­us glaubte dem Problem gerecht zu werden, wenn er die Geburt Jesu als »Nichtlösen der Riegel der Jung­fräulichkeit an den Geburtsstellen« bezeichnet. Das 5. Allgemeine Konzil (553) lehrt die Virginitas in partu implizit, wenn es eben von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias sprach (DS 422, 427); über den Modus sagte es nichts. Auch Papst Leo der Große

 

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hat in seiner berühmten »Epistola Dogmatica« an den Bischof Flavian in Konstantinopel mehrfach die »Neu­heit« der Geburt Jesu betont, den Sinn oder die Struk­tur dieser Neuheit aber nie erklärt. Dies dürfte, wie be­tont, auch unmöglich sein.

Für eine genauere Interpretation muss man die in­haltlichen Elemente »in« der Geburt unterscheiden: Schmerzlosigkeit und Unversehrtheit. Nie wurden je­doch der Sinn und das Wie dieser Stufe der Jungfräu­lichkeit verbindlich dargestellt. In der heutigen Theolo­gie wird die Frage ventiliert, ob ein mütterliches Gebä­ren im gewöhnlichen Sinne notwendigerweise eine Ver­­letzung der in kirchlichen Texten vielfach genann­ten »immerwährenden« Jungfräulichkeit bedeuten müsste, oder ob diese letztere noch hinreichend ge­wahrt wird, wenn man annimmt, dass die Geburt bei Maria nicht, wie bei gewöhnlichen Geburten, die Folge einer vorangegangenen geschlechtlichen Vereinigung ist. Diese These dürfte der Überlieferung nicht gerecht werden.

Ohne Bedenken darf man sagen: infolge ihrer be­sonderen Begnadigung hat Maria den Vorgang der Geburt völlig in ihre liebende und gehorsame Hingabe an Gott integriert. Der Gehorsamsakt war vollkommen personal und ist in seiner biologischen Verwirklichung ganz und gar von der Gnade geprägt, ohne dass sich im einzelnen bestimmen lässt, was die Jungfräulichkeit in der Geburt letztlich ausmacht. Pius XII. spricht ein­fach von einer »wunderbaren Geburt«.

Um die Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert war die Lehre von der Jungfräulichkeit »in« der Geburt im Sin­ne der Schmerzlosigkeit und der leiblichen Unversehrt­heit noch nicht Allgemeingut. Sie ist jedoch im Vor­dringen begriffen. Die Unversehrtheit wird nicht ge­lehrt von Tertullian und, was besondere Beachtung

 

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verdient, von Hieronymus, und zwar im Zusammen­hang mit der grundlegenden und entscheidenden Leh­re von der Realität der menschlichen Natur Jesu. Hin­gegen wird sie vertreten von Eirenaios, Gregor von Nyssa, Ambrosius. Zuerst wurde die Jungfräulichkeit in der Geburt (mit einer gewissen Zurückhaltung) von Klemens von Alexandrien betont (gest. um 216). Das Konzil von Ephesus (431) sprach von der bleibenden Jungfräulichkeit Marias. Das 2. Konstantinopolitani-sche Konzil (553) verwendet das Wort von der »im­merwährenden Jungfräulichkeit« Marias in einer schon traditionell gewordenen Bestimmtheit. Der Aus­druck wurde gewissermaßen zu einem terminus technicus für Marias Jungfräulichkeit (nach G. Söll).

  

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