8.
ABSCHNITT
Die
Jungfräulichkeit Marias (Wesenserklärung)
1.
Kapitel
Der
Sinn der Jungfräulichkeit
Für
das bessere Verständnis der Texte über Marias Jungfräulichkeit soll eine
kurze Erklärung von der Jungfräulichkeit vorausgeschickt werden.
Schon
in den bisher angeführten Vätertexten war häufig von der jungfräulichen
Mutterschaft Marias die Rede. Bei dem Gewicht dieses Glaubenssatzes muss sie
genauer besprochen werden. Durch seine Abstammung von einer irdischen Mutter
steht Christus in der Abfolge der Geschlechter. Durch sie ist er zwar Glied der
ganzen menschlichen Gemeinschaft. Er ist jedoch nicht wie jeder andere völlig
in die menschliche Geschichte hineinverwoben. Vielmehr ist er zugleich über
diese erhaben und zwar nicht nur durch seine Gottheit, sondern auch durch die
Weise seiner Empfängnis und seiner Geburt.
Durch
seine Anwesenheit, sein Leben, sein Wort und sein Tun hat die menschliche
Geschichte eine neue Sinnhaftigkeit, eine neue Dimension und ein völlig neues
Ziel erfahren. Solches drückt sich in der jungfräulichen Empfängnis und
Geburt wie in einem deutlichen Signal aus. Die beiden Vorgänge sind tiefe Geheimnisse,
sprechen aber in ihrem Geheimnissinn eine
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deutliche
Sprache. Die jungfräuliche Empfängnis und Geburt sind auf das tiefste und
innigste mit der Chri-stologie verbunden, so dass Mariologie und Christolo-gie
nicht voneinander getrennt werden können.
Mit
der Aussage von der jungfräulichen Empfängnis und Geburt ist gesagt, dass
Maria nicht auf dem gewöhnlichen natürlichen Wege Mutter Jesu geworden ist.
Bei der Empfängnis Jesu Christi war vielmehr die männliche schöpferische
Kraft ausgeschaltet. Die Empfängnis geschah in der Schöpferkraft Gottes, die
sich unmittelbar an Maria auswirkte. Was im gewöhnlichen Gange der Natur
durch das männliche Tun geleistet wird, wirkte in Maria die Allmacht Gottes,
nicht auf eine geschlechtliche, sondern in einer völlig ungeschlechtlichen
Weise. Der Gott, wie ihn die Heilige Schrift bezeugt, lebt ja jenseits aller
Geschlechtlichkeit, wenngleich er die Geschlechtlichkeit wirkt. Sein Tun löste
in der ihm zukommenden Oberherrlichkeit jene Prozesse aus, welche zur Bildung
des Kindes führen. Auch in der Geburt bewahrte Maria ihre Jungfräulichkeit,
Unversehrtheit und Schmerzlosigkeit, wenngleich deren Erklärung keine
geringen Schwierigkeiten bedeutet und daher auch in den Texten der Kirchenväter
mit mancherlei Unsicherheiten belastet ist.
Die
Jungfräulichkeit Marias betrifft nicht nur die leibliche Seite, sondern auch
die seelische. Sie schließt nämlich in sich die volle Hingabe Marias an Gott,
die Freiheit von jeder Sünde und von den Regungen der »ungeordneten«
Begierlichkeit. Maria ist in ihrer Mutterschaft völlig von Gott beansprucht
worden und ist in diese Beanspruchung vorbehaltlos eingegangen. Ihre Hingabe
an die von Gott ihr gestellte Aufgabe ist so vollständig, dass es keine
Teilung ihres Herzens gibt: virginitas mentis, sensus, corporis sind eins. Die
Jungfräulichkeit Marias erstreckt sich auch auf ihr
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Leben
nach der Empfängnis und Geburt Jesu, da sie von diesen Vorgängen so völlig
ergriffen war, dass andere Interessen sich in ihr nicht erheben konnten.