3. Vollendung der Väterlehre

 

Zur Vollendung gelangt die Entwicklung der lateini­schen Mariologie durch Ambrosius, Hieronymus und Augustinus. Aus der Fülle ihrer mariologischen Er­kenntnisse sei nur einiges ausgewählt.

An der Spitze der drei großen Väter steht Ambrosi­us, den man den marianischen Kirchenlehrer nannte. Aus seinen Werken schöpfen die zeitgenössischen Päpste wie Damasus und Siricius, Leo der Große, der Kirchenlehrer Augustinus, die Konzilien von Ephesus und Chalkedon, sowie das ganze Mittelalter. Tragen­der Grund seiner Mariologie ist Marias Würde als Mut­ter Gottes. Das bedeutet, dass auch bei ihm ebenso wie in der Heiligen Schrift und in der vor ihm liegenden Epoche die Mariologie christologisch fundiert ist. Auch Ambrosius ging es zunächst um Christus. Aber in Maria, der Mutter, bekannte und begrüßte er die Gotteswürde Christi.

 

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Gegenüber dem mit den Goten in das Römerreich vordringenden Arianismus nahm er den Kampf für die wahre Gottheit Jesu Christi energisch auf. Zugleich stand er in Abwehrfront gegen die Manichäer mit ihrer Leibfeindlichkeit und gegen die Apollinaristen mit ihrer Leugnung der menschlichen Seele in Christus. »Denn nicht ist der eine aus dem Vater und der andere aus der Jungfrau, sondern derselbe ist in anderer Weise aus dem Vater und in anderer Weise aus der Jungfrau« (De incarnationis dominicae sacramento, 35). In der Erklärung des 35. Psalmes führte er aus: »Höre, Arianer, achte auf das Geheimnis: aus dem Schoße der Jungfrau ist eben derselbe als Knecht hervorgegangen und als Herr: als Knecht zum Dienen, als Herr zum Herrschen, um das Reich für Gott in den Herzen der Menschen grundzulegen; beide nur einer, nicht ist der eine aus dem Vater und der andere aus der Jungfrau, sondern derselbe, der vor allen Zeiten aus dem Vater hervorging, dieser selbe hat daher aus der Jungfrau Fleisch angenommen. Daher wird er sowohl Knecht wie auch Herr genannt; unsertwegen Knecht, aber in­folge der Einheit des göttlichen Wesens Gott von Gott, Herr vom Herrn, Gleicher vom Gleichen. Und beide Naturen sind vollkommen. Hinsichtlich der Aussagen von Christus gilt also, dass derselbe Gott und eben der­selbe Mensch ist.« Mit der ganzen vorausgehenden und zeitgenössischen, insbesondere mit der alexandrinischen Theologie lehrt Ambrosius, dass die volle Erlö­sung an der wahren und vollen Menschheit Christi hänge. Maria ist demgemäß für ihn die wahre Mutter Christi, die Mutter des Herrn (so nennt er sie mit Vor­liebe), die Mutter Gottes. Ambrosius ist der erste latei­nische Kirchenvater, der für Maria den Titel »Mutter Gottes« gebraucht, wenn er ihn auch nur zweimal in seinen Schriften anwendet. Dagegen findet sich die

 

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Bezeichnung Gottesgebärerin bei ihm nicht, es sei denn einmal mit der Umschreibung: »Maria hat Gott geboren.« Es ist aufschlussreich, dass auch Hierony-mus die Ausdrücke Gottesgebärerin und Gottesmutter vermeidet. Der Grund dürfte darin liegen, dass die Kir­che in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts eine star­­ke Auseinandersetzung mit dem Kulte der Kybele, der Göttermutter, durchzukämpfen hatte. Es musste der Anschein vermieden werden, als würden die Christen Titel und Würde dieser mythischen Gestalt auf Maria übertragen, zumal die Heiden ihnen vorhielten, sie ver­ehrten ja auch ihrerseits Maria als Göttin (Franz Dölger, Antike und Christentum l, Münster 1929, 122).

Unter diesem Gesichtspunkt ist folgender Text des Hieronymus lehrreich: »Nicht geteilt ist Christus, son­dern er ist einer, und wenn wir ihn anbeten als Sohn Gottes, dann leugnen wir nicht seine Geburt aus der Jungfrau, aber es möge dies ja niemand auf Maria aus­dehnen. Maria war Tempel Gottes, aber nicht Gott im Tempel. Darum darf nur derjenige angebetet werden, der in diesem Tempel wirkte« (De Spiritu Sancto III, 11, 79).

Wie mannigfaltig die Versuche waren, dem Ärger­nisse zu entgehen, welches die wahre Menschennatur des Gottessohnes in Schwäche und Vergänglichkeit dem menschlichen Denken bereitet, zeigt sich in der von Ambrosius bekämpften und schon von Athanasius abgelehnten Meinung, dass die menschliche Natur Christi aus himmlischem Stoff gebildet sei. Er sagt hierzu: Wen sollte es nicht erschüttern, wer kann mit­anhören, dass das Wort Gottes nicht aus der Jungfrau Maria, sondern aus seiner eigenen göttlichen Wesen­heit sich einen leidensfähigen Leib gebildet habe. Die derartiges behaupten, versteigen sich zu der Lehre, der Leib des Herrn sei nicht in der Zeit angenommen,

 

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sondern er sei mit dem Worte Gottes gleich ewig (De incarnationis dominicae sacramento, 50).

Noch mehr hätte sich wohl Ambrosius entrüstet, wenn er nicht nur die Lehre von der Präexistenz des menschlichen Leibes Jesu Christi, sondern jene von Maria hätte kritisieren müssen, welche heute gelegent­lich vertreten wird.

Die Muttergotteswürde ist für Ambrosius der höch­ste Ruhm Marias.

Alles, was Ambrosius sonst von Maria sagt, ihre Jungfräulichkeit, ihre Teilnahme an der Erlösung, ihr Verhältnis zur Kirche, ergibt sich aus ihrer Eigenschaft, Mutter Gottes zu sein.

Hieronymus ist vor allem durch seine Verteidigung der Jungfräulichkeit Marias gegenüber Helvidius her­vor­ge­treten.

Auch Augustinus musste gegen leibfeindliche Ten­denzen und Lehren mehrfach die echte Menschenwür­de Jesu Christi und die Gottesmutterschaft Marias ver­teidigen. Er gebraucht den Ausdruck Gottesgebärerin bzw. Gebärerin ohne den Zusatz »Gottes«, aber so, dass dieser letztere in sinnvoller Weise ergänzt werden muss (Sermo 186,1; 195,2; 215,3).

Als um das Jahr 418 Leporius eine der »nestoriani-schen« Häresie ähnliche Lehre verbreitete, konnte ihn Augustinus dazu bringen, ein Glaubenssymbol zu un­terschreiben, das man mit Recht als eine Skizze zu Papst Leos dogmatischem Brief bezeichnet hat. Es heißt hier: »Wir bekennen, dass unser Herr und Gott Jesus Christus in den letzten Zeiten aus dem Heiligen Geist und der immerwährenden Jungfrau Maria Mensch wurde, ein geborener Gott, und darum ist in ihm eine einzige Person, Fleisch und Wort anzuneh­men, er ist der Riese in zwei Substanzen, wie man ihn genannt hat.«

 

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In Spanien hat das bisher entfaltete Marienbild star­ken Widerhall bei lldefons von Toledo (gest. 667) ge­funden. Auch bei ihm ist die Mutterschaft Marias ein­gebettet in den christologischen und soteriologischen Glauben. In der Diskussion mit einem spanischen Ju­den setzt lldefons auseinander, worin die Mutterschaft Marias bestanden habe. Im Zeichen hat sie empfan­gen, nicht in usu (Gebrauch), in Verwunderung, nicht im Beischlaf, in der Neuheit des Wunders, nicht in der gewöhnlichen Ehe, in Jungfräulicher Unberührtheit, nicht im Ehebund, Gottesmutter ist sie jedoch wegen der Menschwerdung des Wortes; Gottesgebärerin ist sie wegen der Annahme des Menschensohnes; Gottes Verwalterin (administratix) ist sie jedoch nur, weil er seinen Eltern untenan war; Gottes Nährerin ist sie, weil diesem Kinde Könige und Königinnen Ernährerin­nen sind. Maria ist alles, was sie ist, wegen ihres Kin­des und durch ihr Kind. Durch seine Geburt aus Maria wurde er der echte Untergebene der Magd, die er ins Dasein gerufen hat. Der Sohn Gottes, der alle ge­schaffen hat, wurde ihr echtes Kind, obwohl er sie selbst geformt hatte. Die Magd hat als Untertan ihren Herrn und der Herr hat die Dienerin zu seiner Vorge­setzten. So hat die Mutter ihren Schöpfer geboren und der Erschaffer der ungeformten Dinge hat den Stoff seiner Mutter ins Leben gerufen, damit er aus ihr, die er erschaffen, selbst Kind würde. Sie sollte die Urheberin seiner menschlichen Geburt werden, sie, deren Urheber er selber war. So wird Maria da­durch, dass sie ihr Fleisch dem ewigen Worte schenk­te, aus allen Geschöpfen herausgehoben und als Mut­ter wieder aufs engste mit ihrem Sohne und der Menschheit verbunden. Der Mensch hat Gott gebo­ren, die Jungfrau das Kind, die Frau ohne Mannestun den Mann.

 

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Bald nachher hat der Adoptianismus, das heißt die Lehre, in Christus gebe es zwei Söhne, einen ewigen vom Vater geborenen und einen angenommenen, in der Zeit aus Maria geborenen, die spanische Kirche ernsthaft beunruhigt. Der große Vorkämpfer der Rechtgläubigkeit war Alkuin. Er hat in seinen Kampf­schriften das Marienbild vertieft. Weiterbauend auf dem Konzil von Ephesus und dem von Chalkedon wurde gegenüber der von Felix von Urgel vertretenen adoptianischen Lehre von Alkuin erklärt, dass Maria zwar einerseits Gottes Gebärerin sei, dass sie aber auf der anderen Seite die Gebärerin Gottes sei, dass also derje­nige, den sie in einer wahren menschlichen Natur ge­boren hat, der Sohn Gottes sei. »Nach dem katholi­schen Glauben ist aus der Jungfrau Gottes Sohn ge­boren, der vor aller Zeit aus dem Vater geboren war. Denn die angenommene menschliche Natur hat ihn, der aus der Jungfrau stammt, nicht zu einem anderen gemacht, als der er war, der vor aller Zeit aus dem Va­ter hervorging.« (Leo Scheffczyk, Das Mariengeheim­nis in Frömmigkeit und Lehre der Karolingerzeit, Leip­zig 1959).

Im 10. Jahrhundert hat Ratramnus die in Deutsch­land zu jener Zeit umgehende Irrlehre bekämpft, dass Jesus bei seiner Geburt nicht den natürlichen Weg durch den Schoß der Jungfrau genommen habe, ohne dem jungfräulichen Charakter der Geburt nahe zu treten. Diese seine Stellungnahme ist wohl seiner Hoch­schätzung des Geschöpflichen und seinem Sinn für das wahrhaft Menschliche an der Empfängnis und Ge­burt Christi entsprungen. Paschasius Radbertus wen­det sich mit seiner Schrift »De partu virginis« gegen ei­ne naturalistische Auffassung von der Menschwer­dung Christi. Er bemüht sich, das Übernatürliche an Maria zu betonen. Dabei unterstreicht er, dass Maria

 

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zur Zeit der Empfängnis Christi nicht mehr zur massa primae praevaricationis gehört haben dürfe, damit Christus aus ihr eine sündelose menschliche Natur an­nehmen konnte. Schon im Mutterleib ist nach ihm Ma­ria von der Erbsünde befreit worden. Siehe E. Göß-mann. Die Verkündigung an Maria im dogmatischen Verständnis des Mittelalters, München 1957.

  

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