5. Geschichtlichkeit und Übergeschichtlichkeit Jesu in den Kindheitsgeschichten

 

Die Kindheitsgeschichten bei Matthäus und Lukas bezeugen Gottes Verheißung an Maria. Deren Erfül­lung wird Lk 2,1-7 erzählt: »Es begab sich aber in je­nen Tagen, dass ein Erlass von Kaiser Augustus erging, der ganze Erdkreis solle aufgezeichnet werden. Diese Aufzeichnung war die erste, welche stattfand, als Qui-rinius Statthalter von Syrien war. Und alle gingen hin, sich aufzeichnen zu lassen, ein jeder in seine Stadt. So zog auch Josef aus Galiläa aus der Stadt Nazaret hin­auf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids stammte, um sich mit Maria, seiner Verlobten, die schwanger war, aufzeichnen zu lassen. Es begab sich aber, während sie dort waren, wurden die Tage voll, dass sie gebären musste, und sie gebar ihren erstgebo­renen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil für sie in der Herberge kein Platz war.« (Siehe auch Lk 2,8-20.)

Zu der Orts- und Zeitangabe gehört die geschichtli­che Einordnung des Vorgangs. Sie wird im Zusam­men­hang mit dem Alten Testament gesehen. In dem Engels­­worte wird ja die Prophetie angeführt, welche

 

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Maria aus Jesaia kannte. Es wird ihr außerdem in Aus­sicht gestellt, dass ihr Sohn den Thron des Vaters Da­vid besteigen soll, dass er über Jakobs Haus herrschen soll in Ewigkeit.

Was der Engel Maria verkündet ist also jenes Ereig­nis, auf welches das ganze Alte Testament sich hinbe­wegt. Sein Wesen war durch den Bund mit Gott und eine besondere Gegenwärtigkeit Gottes in Israel be­stimmt. Die Bundeslade ist hierfür das sichtbare Zei­chen (Dt 10, 1-5; Ex 25,10-22; 26,38f). Nun hört Ma­ria aus dem Munde des Engels, dass die Gegenwart Gottes, von der die alttestamentlichen Frommen lebten, durch sie und in ihr die Aufgipfelung erfahren solle. Schon im Namen ihres Sohnes wird sich Gottes neue und immerwährende Gegenwart unter den Menschen ausdrücken.

Die Berichterstatter legen entscheidendes Gewicht darauf, dass es sich nicht (wie im Gnostizismus) um ei­ne Idee, sondern um konkrete Begebnisse handelt. Die Zeit- und Ortsangabe gehören in die Offenbarung hin­ein. Man kann von dem, was hier berichtet wird, nicht im Märchenstil sprechen, sondern nur in dem Stile ge­schichtlicher Bezeugung. Da lässt sich nicht sagen: Es war einmal, womit in den Märchen gesagt wird: Es war keinmal, sondern es muss gesagt werden; es war damals und dort.

Was die Realität der Geburt betrifft, so ist sie in kon­kre­­ter Zurückhaltung bezeugt. Sachlich und nüchtern wird vom Ereignis gesprochen. Durch ihre ebenso be­stimmte wie verhaltene Darstellung unterscheidet sich die Geburtsgeschichte wesentlich von allen Mytholo­gien.

Zu den Eigentümlichkeiten der Empfängnis und der Geburt Jesu gehören die Armut der Beteiligten und die Einfachheit des Geschehens. Die Eltern sind unter-

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wegs. Sie finden in der Herberge keinen Platz. Die Mutter wickelt das Kind in Windeln. Das Kind bedarf der liebenden Fürsorge der Mutter und diese leistet sie in selbstverständlicher Natürlichkeit. Den Hirten wird das in Windeln gewickelte und in einer Krippe liegende Kind als Zeichen verkündet.

Das Zeichen, das den Hirten genannt wird, ent­spricht in keiner Weise der jüdischen Messiaserwar­tung. Denn sie rechnete mit einer Gottesoffenbarung in Macht und Glanz. Aber gerade der geschichtliche Realismus, welcher uns in dem evangelischen Bericht begegnet, bürgt dafür, dass nicht menschliche Erfin­dung, sondern wirkliches göttliches Handeln vorliegt. Sonst wäre die Erzählung ähnlich ausgefallen wie in den Mythen, welche die Göttergeburten phantastisch ausschmückten. Es bedarf einer Umwandlung des menschlichen Denkens, damit das in der Krippe lie­gende Kind als Gottessohn erkannt und seine Mutter als Messiasmutter verstanden wird. Die Hirten haben, indem sie das Kind sahen, in ihm die Wirklichkeit des­sen erfahren, was ihnen der Engel verkündet hat und die himmlischen Heerscharen gepriesen haben.

  

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