2. Jesus und seine Mutter

 

Es fällt auf, dass Jesus selbst Maria nie als »Mutter« ansprach, ja, dass er ihr das eine oder andere Mal einen Tadel auszusprechen schien. Es kommen in Betracht die Szene mit dem 12-jährigen Jesus im Tempel (Lk 2,41-51), die Hochzeit von Kana (Job 2,1-11), der Versuch der Verwandten, Jesus von seiner Predigt weg heimzuholen (Mk 3,31-35; Mt 12,46-50; Lk 8,19ff), sowie die Seligpreisung Marias durch eine Frau (Lk 11,27f) und auch das Wort Jesu am Kreuze (Lk 11,27f).

In allen diesen Stellen ist von der Herzlichkeit, die man im natürlichen Lebensbereiche vom Verhältnis von Mutter und Sohn erwartet, nichts zu spüren. Of­fenbar verband Jesus mit seiner zurückhaltenden Re­deweise die Absicht, zu betonen, dass nicht mehr, wie im Alten Bunde und wie daher seinen Zuhörern be­kannt war, die Familienbande, die Abstammung von Abraham das Heil vermitteln wird, sondern die Erfül­lung des göttlichen Willens, die Einheit mit Gott im

 

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Heiligen Geiste. An die Stelle der nationalen Zugehö­rigkeit sollte die Zugehörigkeit zu der Christus- und Geistgemeinschaft treten. Gerade hierin übertraf Ma­ria alle anderen Menschen. Unter diesem Aspekt sind die Worte Jesu und sein Verhalten so, dass man von Maria sagen darf, sie habe genau nach diesen Anwei­sungen Jesu gelebt. Sie musste aber auch ihrerseits, ähnlich wie die jeweils Anwesenden, immer tiefer in die neue Situation, in den Neuen Gottesbund einge­führt werden. Jesus will allen jeweils Beteiligten den großen Wandel verständlich machen und den Sinn seiner Sendung verdeutlichen.

Augustinus weist mit Nachdruck darauf hin, dass Maria schon vor der leiblichen Empfängnis dem ewi­gen Gottessohn verbunden war (Predigt 291). In sei­nem Werke De sancta virginitate sagt er: »Seliger ist Maria dadurch, dass sie den Glauben an Christus voll­zog (percipiendo fidem Christi), als dass sie das Fleisch Christi empfing (concipiendo carnem Christi). Die mütterliche Nähe hätte ihr nichts genützt, wenn sie nicht glücklicher Jesus im Herzen als im Leibe getra­gen hätte.« Diese höhere Bewertung der Glaubens­empfängnis als der Leibesempfängnis Christi wurde in der Väterzeit immer wieder aufgegriffen.

Ein schönes Sinnbild hierfür ist die bei den Vätern öfter vorkommende Vorstellung, Maria habe den Sohn Gottes durch das Ohr empfangen. Es wäre eine unbe­rechtigte Vergröberung, wenn man den Vätern ein na­turalistisches Bild dieser Art zuschreiben wollte. Die Vorstellung ist vielmehr Ausdruck dafür, dass Maria das Wort Gottes im Glauben aufgenommen hat. Chri­stus wollte mit seinem Worte offensichtlich allen An­we­sen­den den Sinn für eine höhere, aus Gott lebende, im Hei­li­gen Geist existierende Gemeinschaft erschlie­ßen.

 

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Wie tief Maria selbst im Heiligen Geist Christus ver­bunden ist trotz solcher Worte Jesu, bei denen es so aussieht, als wenn sich zwischen ihr und ihrem Sohne eine Kluft auftäte, bekundet ein von Lukas (11,27f) berichtetes Wort. Jesus steht in der Menge. Plötzlich ruft eine Frau: »Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die dich genährt hat.« Der Herr bestätigt den Preis seiner Mutter, gibt aber zugleich den tiefsten Grund für deren Herrlichkeit und Größe an: »Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und es beobachten.« So ist wohl zu übersetzen.

  

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