2. Kapitel

 

Überblick

über die Elemente der Mutterschaft Marias

 

Die Kirchenväter haben vielfach die Mutterschaft Marias mit ihrer Jungfräulichkeit zusammen verkün­det. In unserer Darstellung lassen sich diese verschie­denen Inhalte nicht immer voneinander trennen. Es soll in dem gegenwärtigen Abschnitt der Nachdruck auf die Muttergottesschaft, im nächsten auf die Jung­fräulichkeit gelegt werden.

 

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Was Marias Mutterschaft betrifft, so dienen, wie schon betont wurde, die neutestamentlichen Texte dazu, die Geschichtlichkeit Jesu Christi zu bezeugen und den ge­­schichtlichen Ort seines Lebens zu bestim­men. Es mag auffallend sein, dass von Jesus selbst nir­gends berichtet wird, dass er Maria den Namen Mutter gab. Es soll offensichtlich nachdrücklich unterstrichen werden, dass trotz der leiblichen Mutterschaft Marias die Gemeinschaft im Geiste den Vorrang hat. Augustinus (Predigt 291) weist darauf hin, dass Maria schon vor der leiblichen Empfängnis ihrem Sohne verbunden war. In seinem Werke »De sancta virginitate« (3) sagt der Kirchenvater: »Seliger ist Maria dadurch, dass sie den Glauben an Christus vollzog (percipiendo fidem Christi), als dass sie das Fleisch Christi empfing (concipiendo carnem Christi). Die mütterliche Nähe hätte ihr nichts genützt, wenn sie nicht Christus im Herzen ge­­tragen hätte.« Diese höhere Bewertung der Empfäng­­nis im Glauben gegenüber der Empfängnis im Lei­be wurde in der Väterzeit immer wieder aufgegriffen.

Das II. Vatikanische Konzil erklärt (Konstitution »Lu­men gentium«, Art. 56): »Der Vater der Erbarmungen wollte aber, dass vor der Menschwerdung die vorher­bestimmte Mutter ihr empfangendes Ja sagte, damit auf diese Weise so, wie eine Frau zum Tode beigetra­gen hat, auch eine Frau zum Leben beitrüge. Das gilt in erhabenster Weise von der Mutter Jesu, die das Le­ben selbst, das alles erneuert, der Welt geboren hat und von Gott mit den einer solchen Aufgabe entspre­chenden Geschenken begabt worden ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es bei den heiligen Vätern gebräuchlich wurde, die Gottesmutter ganz heilig und von jedem Sündenmakel frei zu nennen, gewisserma­ßen vom Heiligen Geist gebildet und zu einer neuen Kreatur gemacht. Vom ersten Augenblick ihrer Emp-

 

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fängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit, wird die Jungfrau von Nazaret vom Engel bei der Botschaft auf Gottes Geheiß als ,voll der Gnade' gegrüßt (vgl. Lk 1,28), und sie antwortet dem Boten des Himmels: ,Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort' (Lk 1,38). So ist die Adamstochter Ma­ria, dem Wort Gottes zustimmend, Mutter Jesu ge­worden. Sie umfing den Heilswillen Gottes mit gan­zem Herzen und von Sünde unbehindert und gab sich als Magd des Herrn ganz der Person und dem Werk ih­res Sohnes hin und diente so unter ihm und mit ihm und durch ihn in der Gnade des allmächtigen Gottes dem Geheimnis der Erlösung. Mit Recht also sind die heiligen Väter der Meinung, dass Maria nicht rein pas­siv von Gott benutzt wurde, sondern in freiem Glau­ben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt hat. So sagt der heilige Eirenaios, dass sie, in ihrem Ge­horsam für sich und das ganze Menschengeschlecht Ursache des Heils geworden ist'. Deshalb sagen nicht wenige der alten Väter in ihrer Predigt gern, ,dass der Knoten des Ungehorsams der Eva gelöst worden sei durch den Gehorsam Marias; und was die Jungfrau Eva durch den Unglauben gebunden hat, das habe die Jungfrau Maria durch den Glauben gelöst'; im Ver­gleich mit Eva nennen sie Maria ,die Mutter der Leben­digen', und öfters betonen sie: ,Der Tod kam durch Eva, das Leben durch Maria'.«

In der nachapostolischen Zeit wurde aus dem schlichten Schriftzeugnis, dass Maria die Mutter Jesu war, aufgrund der sich entwickelnden Christologie der Begriff der »Gottesgebärerin« bzw. der »Gottesmut­ter« entfaltet. Ausdrücklich wird die Bezeichnung Got­tesgebärerin wohl zum ersten Mal gebraucht von Ale­xander von Alexandrien (gest. 328), nicht von Hippolyt von Rom am Beginn des 3. Jahrhunderts. Der Aus-

 

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druck reifte in den christologischen Kämpfen des 3. und 4. Jahrhunderts zur Klarheit heran und setzte sich in dem Maße durch, dass er auf dem Konzil zu Ephesus (431) als Kennzeichen der rechtgläubigen Christologie gegenüber der »nestorianischen« Auflö­sungsgefahr der Struktur Jesu gebraucht wurde. Er war das Aussagemedium für die personale Einheit Je­su Christi. Er stellte ein Bekenntnis zur wahren Gott­heit Jesu gegenüber dem Judaismus dar. Man bedien­te sich in der Verwendung des Wortes »Gottesgebärerin« der Methode der sogenannten Idiomenkommunikation. Danach ist infolge der personalen Einheit das personhafte Selbst Jesu Träger sowohl der göttlichen als auch der durch die Wirksamkeit des Heiligen Gei­stes aus Maria stammenden menschlichen Natur Jesu. Das Wort entspricht in höherem Maße der in der alexandrinischen Theologie beheimateten Christologie als jener der Antiochener. Bezeichnenderweise wurde das Wort von dem sich in antiochenischem Denken bewe­genden Ambrosius nie gebraucht, obwohl er in der Sa­che vertrat, was der Terminus meinte. Als die Bezeich­nung »Gottesgebärerin« von den Monophysiten häre­tisch missbraucht wurde, trat an ihre Stelle das schon seit langem vorbereitete Wort »Gottesmutter«. In ihm kommt stärker als in dem Terminus »Gottesgebärerin« zum Ausdruck, dass das Menschliche in Jesus nicht ei­ne eigene Personalität hat, sondern personal ist durch die Personalität des Logos. Dies wurde besonders deutlich hervorgehoben durch das II. Konzil von Kon­stantinopel aus dem Jahre 553. Ferner wird so stärker als in dem Wort »Gottesgebärerin« betont, dass die Empfängnis und Geburt nicht bloß biologisch-physio­logisch, sondern auch geistig-(geistlich-) personal zu verstehen ist, dass also der biologische Vorgang voll­kommen in die Glaubensbereitschaft Marias integriert

 

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ist. Das Wort »Gottesmutter» bereitete die These von der geistlichen Mutterschaft Marias gegenüber allen Gläubigen vor. Die Mariologie ist ein besonders an­schauliches Beispiel für die Dynamik, mit welcher sich der Glaube aus ursprünglichen Keimen zu immer volle­rer Gestalt entwickelt. Dieser Entwicklungsvorgang ist ebenso sehr ein Zeugnis für die Kraft, mit der die Chri­stus angehörenden Menschen im Heiligen Geist immer tiefer in das Christusgeheimnis eindringen. Das Wort »Mutter Gottes« wurde das marianische Lieblingswort des Volkes Gottes.

  

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