3. Kapitel

 

Transzendenz und Immanenz der Erlösung

 

Es war ja in der Tat auch verheißen, dass der Retter vom menschlichen Geschlechte selber kommen sollte. Er sollte innerhalb der menschlichen Geschichte aus der Reihe der menschlichen Generationen aufsteigen. Denn er sollte nach Gen 3,15 ein Nachkomme jenes Weibes sein, welches dem Unheil in die menschliche Geschichte Eingang gewährt hatte. Dennoch stand fest, dass nur Gott selber die Verlorenheit der Men­schen überwinden konnte. So bestand, wie es schien, eine Spannung unter den göttlichen Verheißungen. Denn die eine zielte darauf, dass der Befreier von der Knechtschaft des Teufels und der Sünde, des Leides

 

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und des Todes von der Erde kommen soll, die anderen Verheißungen aber stellten in Aussicht, dass Gott selbst vom Himmel herab die Rettung bringen werde. Die Spannung löst sich dadurch, dass Gott vom Him­mel auf die Erde herabsteigen und, so der Erde zuge­hörig geworden, von der Erde aus als Retter erschei­nen und wirken wollte. Durch dieses transzendente göttliche Vorgehen gewann die himmlische Rettungs­tat Geschichtlichkeit und Leibhaftigkeit, Konkretheit und Immanenz. Die Erlösung erscheint so nicht wie ein den Menschen von außen dargebotenes oder aufge­drängtes Geschenk, sondern wie eine von innen her­vorkommende Bewegung. Sie gewinnt gewisserma­ßen organischen Charakter. Sie kann wie eine imma­nente Bewegung aus der Geschichte naturgemäß nur hervorkommen, weil sie von Gott selbst hervorge­bracht wird. Nur dadurch, dass Gott sich in der Ge­schichte als »Emmanuel« (Jes 7,14) gegenwärtigsetz­te und so eine wirksame Kraft, ja tätiges Subjekt inner­halb der Geschichte wurde, wurde die Erlösung ein geschichts­im­manentes Geschehen. Sie ist als Bewegung von oben und von unten zugleich geschichtstranszendent und geschichtsimmanent, zuerst geschichts-transzendent und dann infolge der Selbstsetzung Got­tes innerhalb der menschlichen Geschichte geschichts­immanent. Die Bewegung beginnt oben und stößt nach unten, um sich wieder nach oben zu wenden.

In die gleiche Richtung weisen einige andere Texte in der Heiligen Schrift. So heißt es z.B. in Psalm 85 (84), 9-14: »Ich will hören, was Jahwe spricht! Redet er nicht von Heil zu seinem Volke und zu seinen From­men? Sie sollen nicht ohne Hoffnung bleiben! Wahr­lich, nahe ist seine Hilfe denen, die ihn fürchten, da sei­ne Herrlichkeit wieder wohnt in unserem Lande. Huld und Treue begegnen sich, Gerechtigkeit und Heil tref-

 

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fen sich. Treue entsprießt dem Boden, und Gerechtig­keit blickt vom Himmel. Auch spendet Jahwe Segen, und unser Land liefert seinen Ertrag. Gerechtigkeit schreitet vor ihm her und Heil auf seinen Spuren.« Psalm 67 (66), 7: »Das Land gab seinen Ertrag, es seg­ne uns Jahwe, unser Gott.« Besonders deutlich ist Dt-Jesaias 45,5-8: »Ich bin Jahwe und sonst ist keiner; außer mir gibt es keinen Gott. Ich gürtete dich, ohne dass du mich kanntest, damit man erkenne vom Auf­gang der Sonne bis zu ihrem Untergang, dass es außer mir keinen Gott gibt. Ich bin Jahwe und sonst keiner, keiner, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der das Heil wirkt und das Unheil schafft. Ich bin Jah­we, der dies alles wirkt. Tauet, ihr Himmel, von droben und, ihr Wolken, lasst rieseln Gerechtigkeit. Die Erde tue sich auf, es reife das Heil und Gerechtigkeit spros­se zumal! Ich, Jahwe, schaffe es.« In diesem Text wird einerseits alles Heil dem lebendigen Wirken Gottes zu­geschrieben. Andererseits wird die Erde aufgefordert, das Heil zu gewähren. Offensichtlich besteht zwischen der Wirksamkeit Gottes und jener der Erde ein innerer Zusammenhang. Er liegt darin, dass Gott die heilenden Kräfte in die Erde senkt, so dass sie von ihr hervorkom­men können.

Der Vorstellungsweise der Heiligen Schrift ent­spricht es, wenn Maria als die »unbebaute Erde« und als der »ungepflügte Acker« angesprochen wird, aus welchem der Heiland hervorwächst (Klemens von Alexandrien, Der Erzieher 2, 10, 92; Methodius von Philippi, Gastmahl 2,1).

Solche Formulierungen erinnern an den heidnischen Mythos von der Segenskraft und Fruchtbarkeit der All­mutter Erde, welcher der Himmelsgott seine Kräfte eingestaltet, ja mit der er geradezu eine Ehe schließt (vgl. besonders das Fragment der Danaiden des Ai-

 

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schylos). Die Hoffnung, welche die Mythosgläubigen auf die unerschöpfliche Fruchtbarkeit der Mutter Erde setzen, findet ihre Erfüllung in der Jungfrau-Mutter Maria. Hier wird in einer den Mythos überwindenden, völlig unmythischen, aber dennoch den Mythos erfül­len­den Weise vollzogen, was im Raume des Mythos ersehnt wurde, ohne dass es hier jemals realisiert wer­den konnte.

  

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