2. Inhalt von Marias Antwort

 

Maria drückt ihre Zustimmung mit der Antwort aus: »Siehe, ich bin des Herren Magd; mir geschehe nach deinem Wort« (Lk 1,38). In diesen Augenblick der Zu­stimmung wird man die wunderbare Empfängnis, die Fleischwerdung des ewigen Wortes, zu verlegen ha­ben, wenngleich Lukas nicht ausdrücklich davon spricht.

Für das Verständnis der Antwort Marias bietet das von ihr gewählte Wort »Magd«, im Griechischen »dule«, den Schlüssel. Im griechischen Sprachgebrauch wird das Wort verwendet zur Bezeichnung des Skla­ven. Zum religiösen Gebiet hat das Wort auf griechi­schem Boden zunächst keine Beziehung. Erst in der Zeit, in welcher die östlichen Religionen in den Westen vordringen, d.h. in der Zeit des Hellenismus von Alex­ander dem Großen an gewinnt das Wort auf griechi­schem Boden auch für das Verhältnis des Menschen zu Gott Bedeutung.

Im griechischen Judentum führte die Entwicklung dazu, dass es für die Beschreibung des Abhängigkeits­- und Dienstverhältnisses des Menschen gegenüber Gott in Übung kam. Durch diesen Bedeutungswandel trat der Sprachgebrauch in scharfen Gegensatz zum Sprachgebrauch des Griechentums und des Hellenis­mus. Der Knecht und die Magd Gottes sind solche

 

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Menschen, welche ganz Gott angehören. So ist es ver­ständlich,  dass jene  Männer,  die  in einzigartiger Weise dem Anspruch Gottes an sie Genüge getan haben, mit dem Ehrentitel von »Knechten Gottes« aus­gezeich­net wurden, z. B. Mose (Jos 14,7), Josue (Jos 24,29; Ri 2,8), Abraham (Ps 104, 42), David (Ps 88, 4 u.a.), ja das ganze Volk Israel (Jes 48, 20 u.a.). Ihre Hingabe an Gott diente jeweils einer besonderen Aufgabe und Wirksamkeit. Sie war nicht statisch, sondern dynamisch.

In diesem alttestamentlichen Sinn treffen wir den Ausdruck auch im Neuen Testament. Das Wort um­schreibt das absolute Abhängigkeitsverhältnis von Gott, der den Menschen ganz in Anspruch nimmt. Gott ist in seinem Verhältnis zu den Menschen an kei­ne Voraussetzungen gebunden. Der Mensch muss sich vielmehr dem Willen Gottes zur Verfügung stellen. Das Moment des Verächtlichen und Herabsetzenden fehlt dabei völlig. In dem alttestamentlichen Sinn be­gegnet uns die Bezeichnung vielmehr als Ehrentitel. Die Christusgläubigen werden in der Regel nicht als Knechte Gottes, sondern als Knechte Christi bezeich­net. Paulus selbst nennt sich infolge des ihm geworde­nen göttlichen Auftrages einen »Knecht Christi« (z.B. Röm 1,1).

In einem solchen Rahmen ist Marias Wort, dass sie Magd Gottes sei, zu verstehen. Sie bewegt sich mit der Bezeichnung im alttestamentlichen Vorstellungs­be­reich. Sie drückt mit ihr aus, dass sie sich Gott völlig und ausschließlich zur Verfügung stellt. Sie ist für ihre Aufgabe bereit, um ihr vorbehaltlos zu dienen. Sie will ganz Gott angehören. Was er bestimmt hat, soll an ihr geschehen. Es darf nicht übersehen werden, dass der Ausdruck »Magd Gottes« aufgrund seiner alttesta­mentlichen Verwendung von Maria als Ehrentitel emp-

 

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funden wurde. Wie sie im Magnifikat das Bewusstsein von ihrer Erwählung und Auszeichnung besingt, so kommt auch in ihrer Selbstbezeichnung als »Magd Gottes« das Bewusstsein von ihrer Erwählung zu einem einmaligen und besonderen Dienste zum Vorschein. Es zeigt sich, dass nicht etwa Maria durch ein schöpfe­risches Wort die Menschwerdung herbeiführt, son­dern dass sie in voller Gehorsamsbereitschaft ermög­licht, was Gott beschlossen hat und vollbringt.

Man darf sagen: Die Botschaft traf Maria wie ein Blitz, der sie bis ins Innerste erschütterte und verwan­delte. Von nun an kann sie kein anderes Interesse mehr verfolgen. Etwas Größeres konnte sie nicht den­ken.

  

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