2. Kapitel

 

Marias Antwort

 

 

1. Grundlegendes

 

Indes, so sehr die Souveränität Gottes bezeugt ist und im Glauben anerkannt werden muss, so nötigt dennoch Gott seine ewigen Ratschlüsse niemandem auf. Denn er ist ein Gott der Freiheit. Er ist ein Liebha­ber der Freiheit. Er hat den Menschen nach seinem Bil­de, nach dem Bilde des freien Gottes, erschaffen. Er ruft den Menschen an, drängt sich ihm aber nie auf Kosten der menschlichen Freiheit auf. So hat er auch Maria nicht als totes Werkzeug gewählt, sondern als freien, der Entscheidung fähigen, zur Verantwortung bestimmten Menschen. Sie sollte in den ewigen Got­tesplan einwilligen. Der Gruß des Engels war für sie die Offenbarung eines himmlischen Ratschlusses und zu­gleich die Aufforderung zur Zustimmung.

 

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Hierin wird die Struktur der Erlösung deutlich. Sie ist eine Bewegung von oben und von unten, zuerst und maßgeblich eine solche von oben, sekundär und folgerichtig eine solche von unten. Dieses Zusammen von Gott und von Mensch darf man allerdings nicht unter dem Bilde einer Arbeitsgemeinschaft verstehen, in welcher das eine, das Wichtigste, von Gott und das andere, das weniger Wichtige, vom Menschen getan würde. Eine derartige Begegnung von Gott und Mensch ist unmöglich. Eine solche Vorstellung würde ebenso wenig dem lebendigen Gott als Gott gerecht wie dem geschaffenen Menschen als Geschöpf. Viel­mehr ist der Mensch sowohl in seinem Sein wie auch in seinem Tun gänzlich von Gott abhängig. Dies gilt auch von den freien menschlichen Handlungen. Es ist ein tiefes Geheimnis, wie Gott alles wirkt, was der Mensch tut, und der Mensch dennoch frei bleibt. Es ist das Geheimnis der göttlichen Macht, dass Gott gerade die freien menschlichen Handlungen wirkt, er als der Haupttätige, der Mensch als der Mittätige. Darin zeigt sich Gottes göttliche Weisheit, dass er imstande ist, den Menschen in die Freiheit zu setzen und dennoch alles menschliche Tun zu wirken, so dass die Taten des Menschen die Werke Gottes sind (Augustinus). Ohne dieses göttliche Tun wäre der Mensch nicht imstande, frei zu handeln. Es ist nicht etwa so, dass der Mensch in dem, was er zwangsläufig tut, von Gott abhängig ist, in dem, was er frei tut, von ihm unabhängig. Es ist vielmehr so, dass, je freier ein Tun des Menschen ist, je gottähnlicher es also ist, umso mehr sich Gott darin darstellt und darin wirksam ist.

Die Tatsache einer solchen Allwirksamkeit Gottes in der Freiheit des Menschen und der menschlichen Frei­heit in der göttlichen Allwirksamkeit ist durch die Heili­gen Schriften des Alten und des Neuen Testamentes

 

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ebenso häufig wie intensiv bezeugt. Sie gehört zu den Grundelementen der Offenbarung. Das Wie eines sol­chen Zusammenwirkens bleibt jedoch in ein tiefes Dunkel gehüllt. Die Theologen haben sich zu allen Zei­ten große Mühe gegeben, es zu erhellen, konnten aber das Mysterium nicht durchdringen.

Die jede gnadenhafte Begegnung von Gott und Mensch beherrschende Struktur bestimmt auch die Begegnung von Gott und Maria in der Verkündi­gungsszene. Gott hat in freier Überlegenheit den Entschluss gefasst, Maria die Mutterschaft anzuvertrauen, und sie durch die Engelsbotschaft zu dieser Funktion berufen. Maria hat in freier Entscheidung ihre Zustim­mung gegeben. Auch diese ihre freie Entscheidung war von Gottes Gnadenwillen getragen. Dennoch war sie eine freie Tat. Den Freiheitscharakter würde man falsch deuten, wenn man sagen wollte, Gott habe auf die Entscheidung Marias warten und von ihr die Durchführung seines ewigen Heilsplanes abhängig machen müssen; dessen Realisierung sei bis zu dem zustimmenden Ja Marias unsicher gewesen. Eine sol­che Deutung würde dem Verhältnis von Gott und Mensch in keiner Weise gerecht. In seinem ewigen Heilsratschluss für Maria hat Gott jenen Intensitätsgrad der Gnade bestimmt, welcher die freie Zustimmung Marias unfehlbar gewährleistete. In dieser seiner Vor­ausbe­stimmung hat er in seinem ewigen Blick auf Ma­ria gewusst, dass sie sich für die ihr zugedachte Aufga­be vorbehaltlos zur Verfügung stellen werde. Gott brauchte also nicht die Durchführung seiner Pläne in Schwebe zu lassen, bis sein Bote, der Engel, die Ant­wort Marias empfing. Die geschichtliche Ausführung seines ewigen Ratschlusses, in welche Maria von ihm eingeschaltet wurde, stand von Ewigkeit her fest. Wenn man die Freiheit Marias einerseits und die un-

 

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fehlbare Sicherheit der göttlichen Vorherbestimmung und des göttlichen Vorauswissens andererseits zusam­menschauen will, tritt jenes dunkle Geheimnis vor das Auge, in welchem sich das Zusammen von Gott und Mensch, von der Erschaffung und der Rettung der Welt vollzieht. Über die Tragweite der freien Zustim­mung Marias soll später gesprochen werden.

  

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