6. ABSCHNITT

 

Die Erwählung Marias durch Gott

 

1. Kapitel

 

Gottes freie Initiative

 

Die Initiative für die jungfräuliche Mutterschaft Ma­rias geht auf Gott, auf den himmlischen Vater zurück. Er hat Maria in seinem ewigen Heilsplan zur Mutter des menschgewordenen Gottessohnes bestimmt. Sie ge­hört in jenen göttlichen Haushaltsplan hinein, von dem Paulus im Epheserbriefe sagt, dass er von Ewigkeit in Gott verborgen war, nun aber, da die Zeit erfüllt ist, ge­offenbart wurde (Kap. 1). Denn die Mutter, der Weg des Gottessohnes in die menschliche Geschichte hin­ein, lässt sich von Jesus Christus selbst, dem Sohne, nicht trennen. In dieser Betrachtung wird Maria primär von ihrer Funktion, von ihrer heilsgeschichtlichen Auf­gabe her, sekundär von ihrer Gestalt her gesehen. Das Gestalthafte folgt aus dem Ereignishaften, nicht um­gekehrt.

Bis heute ist unter den Theologen keine Einmütig­keit in der Frage erzielt, ob der ewige Gottessohn auch ohne den menschlichen Sündenfall innerhalb der menschlichen Geschichte in menschlicher Natur er­schienen wäre. Während ein Teil der Theologen glaubt, zeigen zu können, dass die Menschwerdung von Gott nur aufgrund der von ihm vorhergesehenen menschlichen Sünde beschlossen wurde, behaupten

 

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andere, dass Gott unabhängig von einer solchen Vor­aussicht unbedingt den Ratschluss der Menschwer­dung gefasst hat, dass er nur um dieses Ratschlusses willen die menschliche Sünde zugelassen hat, weil er in dem menschgewordenen Logos den Überwinder des mensch­­lichen Abfalls sah und wollte. Beide Grup­pen berufen sich auf die Heilige Schrift und auf die mündliche Überlieferung. Zu der ersten gehört z.B. Thomas von Aquin, zur zweiten gehören Johannes Duns Scotus und Scheeben. Die zweite Meinung wird im vorliegenden Werke vertreten.

Wenn man die an zweiter Stelle genannte These an­nimmt, kann man sagen: In dem göttlichen Schöpfungs- und Heilsplan war Christus der erste Ge­danke des himmlischen Vaters. Um ihn sollte sich das menschliche Geschlecht wie um einen Mittelpunkt gruppieren. Die außermenschliche Schöpfung wieder­um wurde von Gott um des Menschen willen geplant. In dieser göttlichen Konzeption hat Maria ihre Stelle in der nächsten Nähe zu Christus. Sie ragt als der Ort, an welchem der Logos den Überschritt aus der Ewigkeit in die Zeit macht, unter allen übrigen Menschen her­vor. Sie ist von Gott für eine Aufgabe bestimmt, wel­che engstens mit der Aufgabe des menschgeworde­nen Gottessohnes zusammenhängt. Sie ist in jenen göttlichen Beschluss aufgenommen, der auf die Menschwerdung zielte. Für Gott bestand keine Not­wendigkeit, Marias Mutterschaft mit Christi Mensch­werdung zusammenzuschließen. Aber unter der Vor­aussetzung, dass er sie zur Mutter des Herrn bestimmte, können wir sagen, dass ein einziger göttlicher Ratschluss die Menschwerdung des Sohnes Gottes und die Mutterschaft Marias umfasste.

Auf jeden Fall gilt: Maria konnte sich zu der ihr in­nerhalb der Schöpfung zukommenden Stellung und

 

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zu der ihr innerhalb der Heilsgeschichte zugedachten Funktion in keiner Weise selbst bestimmen. Der Ur­sprung ihrer Bestimmung liegt vielmehr ausschließlich im ewigen Ratschluss Gottes. Hinsichtlich der göttli­chen Initiative gilt vorbehaltlos das Wort, dass Gottes Gnade allein die Initiative ergreifen konnte. Der erste Schritt wird von oben getan, nicht von unten. Die Mutterschaft Marias ist der für die Gesamtoffenbarung im christlichen Sinn charakteristischen Bewegung Gottes zum Menschen, der descensio de caelis, nicht der für den Neuplatonismus und den Gnostizismus charakteristischen Bewegung des Geschöpfes nach oben zu verdanken. Gott bestimmt Zeit und Ort eben­so wie die Weise des Eintritts seines Sohnes in unsere Geschichte. Er wählt unter allen Frauen in freier Verfü­gung jene aus, welcher er die einmalige und einzigarti­ge Aufgabe anvertrauen und übertragen wollte, sei­nem ewigen Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes die menschliche Natur zu bilden. Wenn er in voller Unab­hängigkeit und Freiheit einen Menschen für eine sol­che Funktion wählte und bestimmte, kann niemand mit ihm darüber rechten. Auch hier gilt: »0 Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege. Wer hat den Sinn des Herrn er­kannt? Wer ist sein Ratgeber gewesen oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, das er ihm hätte wiederver­gelten können? Von ihm und durch ihn und für ihn ist alles« (Röm 11,33-36). Gottes Wahl führt in das hell­dunkle Geheimnis seiner selbst.

Der heilige Thomas drückt die volle Freiheit und Souveränität Gottes folgendermaßen aus: »Das ist der Unterschied zwischen Christus und den anderen Men­schen, dass die Geburt aller anderen Menschen der un­abänderlichen Zeitenfolge unterworfen ist, Christus

 

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dagegen, der Herr und Schöpfer aller Zeiten, sich selbst die Zeit auswählte, in der er geboren werden wollte, ebenso wie die Mutter und den Ort. Und weil, was von Gott ist, geordnet (Röm 13,11) und sinnvoll gefügt ist (vgl. Weish 8,1), so folgt daraus, dass Chri­stus zur sinnvollsten Zeit zur Welt gekommen ist« (Summa theologiae III q. 35 a.8; Deutsche Thomas-Ausgabe, Band 27, 30».

In der Heiligen Schrift wird Gottes freie Wahl be­zeugt durch den Gruß des Engels (Lk 1,20): »Sei ge­grüßt, Begnadete, der Herr ist mit dir.« Der Ausdruck »Begnadete« sagt, dass Maria durch Gottes Huld in be­sonderer Weise ausgezeichnet ist. Denn »sie hat bei Gott Gnade gefunden« (Vers 30). Das Wort, dass der Mensch bei Gott Gnade gefunden habe, kommt auch sonst in der Heiligen Schrift vor. Es wird z. B. von Noe, von Abraham, von David und von jedem Gerechtfer­tigten gebraucht (Gen 6,8; 18,3; Apg 7,46; Hebr 4,16). Maria ist über die Begrüßung des Engels zu­nächst bestürzt. Sie versteht nicht, wieso sie in dieser Weise begnadet und ausgezeichnet sein soll (Vers 29). Die Höhe und die Qualität der einmaligen Auszeich­nung drückt der Engel mit der Versicherung aus, dass sie von Gott zu Besonderem ausersehen sei, dass sie nämlich zur Mutter des Messias bestimmt sei. Der Herr hat sie »angesehen« und ist in ihr Leben eingetreten, um sie in einer sie völlig überraschenden Weise für den entscheidenden Dienst innerhalb der Geschichte zu beanspruchen.

Wie sehr sich Maria der Gnadenhaftigkeit ihrer Be­stimmung zur Mutter des Messias bewusst ist, offen­bart sich in dem Magnifikat (Lk 1,46-55). Gott hat sich seiner »Magd« angenommen, um sie zur Messiasmutter zu erhöhen. Darin hat er sein Volk heimgesucht und die jahrhundertealten Verheißungen erfüllt. Er hat

 

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eine Großtat vollbracht, zu der ihn niemand bewegen und überreden konnte, zu der er sich vielmehr nur in voller Freiheit seiner Liebe entschließen konnte. Gera­de darin enthüllt sich seine vollkommene Heiligkeit.

Von der Mutterschaft Marias gilt in einer überhöhten Weise, was im Johannesprolog von der Rechtferti­gung und Heiligung eines jeden Einzelnen gesagt ist. Sie kommt nicht aus menschlichem Geblüt und menschlicher Initiative, sondern von Gott (Joh 1,13).

  

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