2. Die Väter

 

In der Väterzeit wurde der Zusammenhang zwi­schen dem in Maria sich erfüllenden Alten und dem in ihr angehenden Neuen häufig hervorgehoben. Die Vä­ter legen großes Gewicht darauf, dass der Sohn Gottes in Maria die menschliche Natur annahm zum Zwecke der Erlösung, zur Neuschaffung der Menschen und der Welt im Heiligen Geiste, also in soteriologischer Zielsetzung. So richtet sich der Blick Marias sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft, aber ent­schei­dend in die Zukunft. Was an Maria geschah, nimmt die in Abraham einsetzende Bewegung der Heilsgeschichte auf, führt sie aber mit neuer Kraft und in neuer Weise weiter bis zur endgültigen Vollendung bei der zweiten Ankunft Christi.

Eirenaios sieht in einer Erklärung zum Magnifikat, welches nach ihm Maria für die künftige Kirche

 

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spricht, die Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen Testament in Maria dargestellt. Er hat in einer später nicht wiederkehrenden Konkretheit die im Ver­kündigungsbericht verheißene Herrschaft Christi auf das Alte Testament zurückbezogen. Er sagt (Gegen die Häresien III, 10,2; BKV l, 232): »Wer anders herrscht im Hause Jakobs ohne Unterbrechung in Ewigkeit als Christus Jesus, unser Herr, der Sohn des Allerhöchsten, der durch sein Gesetz und die Prophe­ten versprochen hat, dass er sein Heil allem Fleische sichtbar machen werde, damit er werde des Menschen Sohn, auf dass auch der Mensch werde ein Sohn Got­tes? Darum frohlockte auch Maria und rief prophetisch im Namen der Kirche: ,Hochpreiset meine Seele den Herrn, und es frohlockt mein Geist in Gott, meinem Heile ...' Durch diese gewichtigen Stellen beweist das Evangelium, dass eben der Gott, der zu den Vätern ge­sprochen hat, auch durch Mose das Gesetz gegeben hat, wodurch wir wieder erkannt haben, dass er zu den Vätern gesprochen hat. Eben derselbe Gott ergoß über uns nach seiner großen Güte seine Barmherzig­keit, in der er uns anschaute als der Aufgang aus der Höhe und denen erschien, die in der Finsternis und im Schatten des Todes saßen, und unsere Füße lenkte auf den Weg des Friedens. Wie auch Zacharias auf­hörte, stumm zu sein, was er wegen seines Unglau­bens geworden war, und, mit dem neuen Geiste erfüllt, aufs neue Gott pries. Alles nämlich wurde erneut, als das Wort auf neue Weise seine Ankunft im Fleische bewirkte, um den Menschen für Gott zu gewinnen, der von Gott fortgegangen war. Deshalb wurden die Menschen auch gelehrt, Gott auf neue Weise zu ver­ehren, aber nicht einen anderen Gott« (Vgl. V, 1,3). An einer Stelle schildert er Maria als Anfang der neuen Zeit so (Gegen die Häresien III, 22,4): »Die

 

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Jungfrau Maria wird gehorsam erfunden, indem sie spricht: ,Siehe, ich bin deine Magd, o Herr, es gesche­he mir nach deinem Worte.' Eva aber, die ungehorsa­me, gehorchte nicht, als sie noch Jungfrau war. Wie je­ne den Adam zum Manne hat, dennoch aber Jung­frau war - beide nämlich waren nackt im Paradiese und schämten sich nicht, da sie, eben erst erschaffen, von der Kinderzeugung noch nichts verstanden; sie mussten nämlich erst heranwachsen, ehe sie sich ver­mehrten - und durch ihren Ungehorsam für sich und das gesamte Menschengeschlecht den Tod verschul­det hat: so hatte auch Maria ihren vorbestimmten Mann und war dennoch Jungfrau und wurde durch ih­ren Gehorsam für sich und das gesamte Menschenge­schlecht die Ursache des Heils. Deshalb nennt das Ge­setz sie, die mit einem Manne verlobt war, obwohl sie noch Jungfrau war, die Gemahlin des mit ihr Verlob­ten, und bezeichnet damit den Kreislauf von Maria zu Eva, weil nur dadurch das Gebundene gelöst wurde, dass die Bänder der Knoten zurückgeschlungen wur­den. So werden die ersten Knoten durch die zweiten gelöst, und die zweiten befreien die ersten. So kommt es, dass die erste Schlinge von dem zweiten Knoten aufgezogen wird, der zweite Knoten die Lösung des ersten bewirkt. Deshalb sagte auch der Herr, dass die ersten die letzten und die letzten die ersten werden würden. Dasselbe bezeichnet auch der Prophet mit den Worten: ,Statt der Väter sind dir Söhne geboren.' Deswegen nahm auch der Herr, der als ,Erst­geborener von den Toten' geboren wurde, in seinen Schoß die alten Väter auf und gebar sie wieder zum Leben Got­tes, indem er selbst der Anfang der Lebenden wurde, wie Adam der Anfang der Sterbenden geworden war. Deswegen begann auch Lukas den Anfang seines Ge­schlechtsregisters mit dem Herrn und führte es auf

 

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Adam zurück, indem er damit andeuten wollte, dass nicht etwa sie ihn, sondern er jene zum Evangelium des Lebens wiedergeboren hat. So wurde auch der Knoten des Ungehorsams der Eva durch den Gehor­sam Marias gelöst; denn was die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben angebunden hatte, das löste die Jungfrau Maria durch ihren Glauben.«

Epiphanius (Haer. 78, 18;) deutet Maria als die Mut­ter der Lebendigen, die aus dem Leben selbst geboren werden: »Sie (Maria) ist es, die durch Eva angedeutet war, die rätselhafterweise den Namen ,Mutter der Le­bendigen' erhielt. Eva war in der Tat die Mutter der Le­bendigen genannt worden, nachdem sie jene Worte gehört hatte; ,Staub bist du, und zum Staub sollst du zurückkehren', d. h. nachdem sie die Sünde begangen hatte. Es ist in der Tat befremdend, dass ihr nach die­sem Vergehen ein so erhabener Titel verliehen wur­de. Aber in Wirklichkeit ist es durch die Jungfrau Ma­ria geschehen, dass das Leben selbst in die Welt ge­bracht worden ist, dass Maria ihn tragen durfte, der da lebt, und Mutter der Lebendigen werden durfte. Des­halb sagen wir, dass Maria es ist, die durch dieses vor­bildliche Gleichnis als Mutter der Lebendigen bezeich­net wird ... Eva brachte den Menschen die Ursache des Todes ... Maria brachte die Ursache des Lebens.«

Ambrosius lässt das Erlösungswerk in Maria begin­nen: »Die Salbe der göttlichen Gnade begann ihren Wohlgeruch auszuströmen von dem Zeitpunkt der In­kar­na­tion in der Jungfrau an, als der Herr Jesus das Mysterium der Menschwerdung auf sich nahm ... Als nämlich der Herr Jesus Fleisch annahm, hat er sich ge­bunden mit den Banden der Liebe und nicht nur mit unseren Gliedern und natürlichen Schwächen, son­dern auch an das Kreuz hat er sich gefesselt.« Die In­karnation ist also nach Ansicht des Ambrosius — und

 

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der heilige Bischof folgt darin der frühchristlichen Tra­dition — der Anfang der Erlösung durch das Kreuz, und sie darf deshalb nicht von ihm getrennt werden, et­wa als vorbereitender Akt, der die Erlösung erst er­möglichen sollte. Die Menschwerdung ist, patristisch gesehen, in sich schon ein wesentliches Element der Erlösung; sie allein vollendet zwar noch nicht die Erlö­sung, aber diese ist mit ihr grundlegend begonnen. (In Ps 118,3,8; CSEL 62,44. Für Ambrosius siehe J. Huhn, Das Geheimnis der Jungfrau-Mutter Maria nach dem Kirchenvater Ambrosius, 169-177.)

Ambrosius feiert in der Geburt Christi die Geburt der Kirche (Expos. Ev. Luc. II, 50): »Sehet den Anfang der neu erstehenden Kirche. Christus wird geboren, und die Hirten (gemeint sind die Priester) beginnen zu wa­chen, um die Herden der Heiden, die vordem wie Tiere lebten, in die Hürde des Herrn zu sammeln.«

Maria, die Mutter des Gottessohnes, betrachtet er als die Mutter vieler im Heiligen Geiste, im Geiste des Messias geborener Söhne (Expos. Ev. Luc. II, 24).

Augustinus erklärt in einer Predigt (Miscellanea Agostiniana l, Romae 1930, 210): »Wunderbar ist er geboren. Was ist wunderbarer als das Gebären der Jungfrau? Sie empfing und ist Jungfrau. Geschaffen nämlich aus der, die er schuf, gab er ihr Fruchtbarkeit und verdarb nicht ihre Unberührtheit. Woher Maria? Aus Adam. Woher Adam? Aus Erde. Ist Maria Erde, so verstehen wir unseren Gesang: Wahrheit entsproß­te der Erde. Und welche Wohltat reichte sie uns? Wahrheit entsproßte der Erde und Gerechtigkeit blick­te vom Himmel (Ps 84, 12) ... Wir hatten keine Ge­rechtigkeit. Es gab da nur Sünden. Woher kam Ge­rechtigkeit? Wo gibt es Gerechtigkeit außer im Glau­ben? Denn mein Gerechter lebt aus dem Glauben (Röm 1,17) .,. Die Gerechtigkeit schaute vom Him-

 

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mel, damit die Menschen Gerechtigkeit hätten. Nicht ihre eigene, sondern die Gottes.« Er ist der Ansicht, dass das Jawort Marias gegenüber dem Engel den An­fang der Kirche bedeutete. Er sagt (De Sancta Virgini-tate, 6; PL 40, 399): »Wahrlich, Maria ist auch die Mut­ter der Christusglieder, die wir selbst sind. Denn sie hat mitgewirkt in Liebe, dass Glaubende in der Kirche geboren werden, Glaubende, die da sind die Glieder je­nes Hauptes, dessen Mutter sie leiblich wurde.«

Papst Leo d.Gr. sagt in einer Weihnachtspredigt (26,2): »Indem wir die Menschwerdung unseres Erlö­sers anbeten, feiern wir offenbar auch den Beginn un­seres eigenen Lebens. Ist doch die Zeugung Christi der Ursprung des christlichen Volkes. Der Geburtstag des Hauptes ist zugleich der Geburtstag des Leibes. Mag auch jeder einzelne von den Berufenen einen besonde­ren Stand haben, mögen auch alle Kinder der Kirche durch die Folge der Zeiten voneinander getrennt sein: Die Gesamtheit aller Gläubigen, die aus dem Taufquell hervorgingen, ist mit Christus in seiner Geburt gebo­ren worden.«

Der Mystiker Rupert von Deutz (gest. 1129/30) er­klärt in seinem Werke De operibus Spiritus Sancti (1,8): »So ist die Jungfrau Maria der edelste Teil der Alten Kirche, und so ist sie auch geworden zum Vor­bild der jungen Kirche. Denn der Heilige Geist, der in ihrem Schoße die Menschwerdung des eingeborenen Sohnes Gottes bewirkt hat, eben dieser Geist sollte auch aus dem Schoße der Kirche durch das lebenzeu­gende Bad seiner Gnade die Wiedergeburt der vielen Gottessöhne bewirken.« Die Braut im Hohen Lied deu­tet er auf Maria.

Papst Pius X. führt im gleichen Sinne aus (Ad diem illum, 2. Febr. 1904): »Die allerseligste Jungfrau emp­fing den Sohn Gottes nicht bloß deshalb, damit er eine

 

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menschliche Natur aus ihr annehme und so Mensch werde, sondern damit er mit Hilfe der aus ihr ange­nommenen Natur der Erlöser der Menschen werde. Im gleichen Schoße der reinsten Mutter nahm Jesus das sterbliche Fleisch an, im gleichen Schoße vereinigte er seinen geistigen Leib, der aus allen Gläubigen beste­hen sollte, mit sich. Wir alle, die wir mit unserm Herrn vereinigt sind, die nach dem Worte des Apostels (Eph 5,30) Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und seinem Gebein sind, wir alle sind aus dem Schoße Ma­rias geboren als ein geistiger Leib, zugehörig zu Jesus, unserm Haupte. Deshalb werden wir in einem geisti­gen und mystischen Sinne die Kinder Marias genannt, deshalb ist sie unser aller Mutter.«

In Maria, die im Heiligen Geiste empfangen hat und Geistträgerin war, begann die Zeit, in der der Geist in Fülle über die Menschen ausgegossen wurde. Dass sie nicht reine Geistesgeschichte und nicht eine Periode der Geistschwärmerei wurde, war darin begründet, dass der Geist an Christus, Marias Sohn, gebunden war. Er schuf in Maria Christi irdischen Leib, den Leib des Hauptes der Kirche. Der Geist ist in die sichtbare Gemeinschaft, die er schafft, hineingebunden. Er ist in ihr gegenwärtig. Diese Überlegungen führen uns zu der Frage nach dem Verhältnis Marias zur Erlösung und zur Kirche. Vorher muss jedoch Marias Gestalt noch genauer betrachtet werden.

 

 

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