5.
ABSCHNITT
Marias
Repräsentationsfunktion
1.
Kapitel
Maria
als Repräsentantin
des
alttestamentlichen Gottesvolkes
Maria
war sich ihrerseits bewusst, durch die Engelsbotschaft als Repräsentantin des
Gottesvolkes angesprochen zu werden. Sie drückte dieses Bewusstsein im
Magnifikat aus (Lk 1,39-56). Aus seinem Wortlaut geht hervor, dass sich Maria
nicht nur als ein bestimmtes Individuum, sondern vor allem als Glied in der
großen Geschlechterreihe berufen wusste, dem ein Amt für eine öffentliche
Aufgabe, nicht nur eine private Gnade übertragen werden sollte. Das ergibt sich
aus dem Wortlaut des Magnifikat. Es tritt insbesondere dadurch in Erscheinung,
dass Maria in dem Preislied zum größten Teil alttestamentliche Texte
verwendete, in denen der kommende Messias verheißen war. Sie singt das
Magnifikat im prophetischen Geiste.
Für
die dogmatische Interpretation ist es nicht von wesentlicher Bedeutung, ob Maria
das Magnifikat aufgrund der ihr zuteil gewordenen Engelsbotschaft oder erst
nach der Geburt Jesu gesungen hat.
Als
Maria ihre Verwandte begrüßte, erlebte sie eine neue Überraschung. Sie
brauchte Elisabeth ihr Geheimnis nicht mehr mitzuteilen. Diese erwies sich
vielmehr als Eingeweihte. Denn als das Kind in ihrem Leibe hüpf-
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te,
wurde Elisabeth voll des Heiligen Geistes und rief in göttlicher Erleuchtung
mit lauter Stimme: »Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die
Frucht deines Leibes, und woher kommt mir diese Ehre, dass die Mutter meines
Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als der Klang deines Grußes in meine Ohren
drang, da hüpfte vor Jubel das Kind in meinem Leibe, und selig ist, die
geglaubt hat, dass dem, was ihr vom Herrn gesagt wurde, Erfüllung folgen
werde« (Lk 1,41-45).
Elisabeth
bezeichnet mit dem Wort »gesegnet« in prophetischer Rede Maria als die am
meisten unter allen Frauen Begnadete. Da nach altjüdischem und
allgemein-semitischem Urteil eine Frau ihre größte Ehre durch ihre Kinder
empfängt, ist die Würde der Messiasmutter unvergleichlich. Deshalb hält
sich Elisabeth denn auch des Besuches nicht für würdig, obwohl sie die ältere
der beiden Frauen ist. Elisabeth preist Maria wegen der ihr gewordenen Erwählung,
aber auch wegen ihres Glaubens, in dem sie die ihr geschenkte Gnade annahm.
Es scheint durch diese Situation völlig gerechtfertigt und erklärlich zu
sein, wenn nun Maria in einer Art Entrückung in den Preis- und Dankgesang des
Magnifikat ausbricht. Das Magnifikat ist die Antwort Marias auf den Gruß
Elisabeths. Sie lenkt den Lobpreis auf Gott, dem allein Ehre und Ruhm gebührt.
Er ist der Heilige, der Erhabene, dessen Majestät zugleich lauteres und immerwährende
Erbarmen ist.
Der
Text des Magnifikats lautet: »Meine Seele erhebt den Herrn (1 Sam 2,1), und
es jubelt mein Geist über Gott meinen Heiland (Hab 3,18; Ps
35 [34|, 9); denn er hat seine niedrige Magd gnädig angesehen (1 Sam
1,11). Denn siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter (Gen
30, 13). Denn Großes hat an mir getan der Mächtige (Deut 30,21), und heilig
ist sein Name (Ps 111 [110], 9), und sein Erbarmen
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währt
von Geschlecht zu Geschlecht über die, die ihn fürchten (Ps 103 [102], 13.17).
Er hat Mächtiges getan mit seinem Arm, hat zerstreut, die übermütig sind in
ihres Herzens Sinn (Ps 118 [117], 15; 89
[88], 11). Gewalthaber hat er vom Thron gestürzt, und Niedrige erhöht
er (Ps 147 [146], 6; Sir 10,14; Ez 21,21). Hungrige hat er mit Gütern erfüllt
(Ps 107 [106], 9) und Reiche leer ausgehen lassen. Er hat sich seines Knechtes
Israel angenommen (Is 41,8), zu gedenken seines Erbarmens (Ps 98 [97], 3),
wie er zu unseren Vätern geredet hat (Mich 7,20), zu Abraham und seinem Samen
in Ewigkeit (2 Sam 22,50).« Anbetend rühmt sie die Macht und die Güte Gottes,
der sich ihr als Heiland und Retter erweist.
Maria
sieht nach diesem Texte in der ihr zuteil gewordenen Aufgabe, Mutter des
Messias zu sein, eine Gnadentat Gottes, eine Beglückung des ganzen Volkes.
Durch Maria kommt er zum ganzen Volke Israel. Was ihr zuteil wurde, geht also
nicht nur sie an; das ist nicht nur ein persönliches Geschehnis, das sich in
der Begegnung zwischen ihr und Gott abspielt. Es ist vielmehr ein Ereignis für
die Öffentlichkeit des ganzen Volkes, wenn es sich auch im Verborgenen
abspielt, ja der Welt.
Die
Ankunft Gottes bei seinem Volk ist reine göttliche Gnade. Maria spricht sich
hierfür kein Verdienst zu. Sie ist in diesem Geschehen nur »Magd«. Der Ausdruck,
Gott habe die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, drückt den Gnadencharakter
des göttlichen Tuns besonders stark aus. In reiner Gnade hat Gott Maria erwählt.
Hier hat das Wort von der sola gratia eine legitime Stelle. Was an Maria
geschah, hat seinen Ursprung ausschließlich in Gottes Aktivität. Ihm allein
kommt die Initiative zu.
Wenn
Gott in seinem Volke als »Immanuel« leben wird, dann wird eine Ordnung der
Gerechtigkeit und
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der
Lebensfülle aufgerichtet. Die gnädige Heimsuchung des Volkes versteht Maria
als die Erfüllung uralter Verheißungen. Gott hat nicht vergessen, was er zu
Abraham und den anderen Vätern gesagt hat. Die Sendung des Messias ist
innerhalb der Geschichte Gottes letzte Großtat, die Vollendung seines gnädigen
Heilswirkens an Israel, das sein auserwähltes Volk ist. Mit ihm hatte er durch
Abraham und Mose einen Bund geschlossen. Er hat seinem Volke durch alle Abfälle
hindurch bis zur Stunde der Erfüllung die Treue gehalten. Die Erfüllung ist
derart, dass sie zugleich die Vollendung des Alten und der Beginn des Neuen
ist. Sie bedeutet den entscheidenden Einschnitt in der Geschichte. Im
Magnifikat Marias drücken sich beide Momente aus. Wie Maria als Messiasmutter
am Ende des Alten und am Anfang des Neuen Bundes steht, so bewegt sich auch ihr
Preislied auf der Grenzscheide zwischen dem Alten und dem Neuen Bunde. Es besingt
Gottes Gnadentat, durch welche die bisherige Geschichte gekrönt und eine neue
Epoche heraufgeführt wird (vg. J.Schmid, Das Evangelium nach Lukas, 2. Aufl.,
zum Magnifikat).