f) Die Stammbäume
Es kommt hinzu, dass die beiden je einen
Stammbaum Jesu anführen, diesen aber mit sehr verschiedenen Namen, ja auch
in verschiedener Sinngebung. Bei Matthäus wird mit Abraham begonnen und die Ge-
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schlechterreihe weitergeführt bis zu
Josef, dem Manne Marias, wie es heißt, von welcher Jesus geboren wurde. Der
Stammbaum beschränkt sich also auf Israel. Das Heil geht ja in der Tat aus »von
den Juden«.
Die durch Josef als dem gesetzlichen,
wenn auch nicht wirklichen Vater Jesu bedingte Zugehörigkeit Jesu zum
Geschlechte der Davididen erfüllt die im Alten Testament immer wieder
herausgehobene Abstammung des Messias aus dem Hause Davids. Es wird also in
diesem Stammbaum die Einbindung Jesu in die Geschichte nachdrücklich betont und
Josef eine partielle Heilsaufgabe zugeteilt.
Der Stammbaum des Lukas (3,23-38) nimmt
den umgekehrten Weg. Er geht aus von Josef und bewegt sich durch die
Geschlechterreihe hindurch zurück bis zu Adam, von dem gesagt wird, er stamme
von Gott. Hier wird der Messias auf das engste mit Gott, mit Jahwe verbunden.
Dies bedeutet: es wird ihm ein Platz in der Geschichte und zugleich eine
universale Heilsaufgabe zugeschrieben. Er ist der Heilbringer für alle
Menschen. Gerade darin zeigt sich die Hinordnung des Lukasevangeliums auf die
Heidenchristen. Dies ist umso beachtlicher, weil seine Darstellung ebenso wie
jene des Matthäus ein ganz alttestamentliches Kolorit trägt. Dies liegt an den
Vorlagen, die Lukas benützte und behutsam im Sinne seiner Gesamtorientierung
umformte, im Kerne geschichtlich erzählend.
Angesichts der im Wesentlichen übereinstimmenden,
aber in nicht unwichtigen Einzelheiten voneinander abweichenden Stammbäume
erhebt sich die Frage nach ihrem Sinn. Sie scheinen auf den ersten Blick eine
für das Verständnis Jesu und seiner Mutter belanglose, dürre Chronologie zu
sein. Es ist jedoch auffallend, dass Matthäus und Lukas unabhängig voneinander
die Stammbäume für wichtig genug halten, um sie
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ausführlich darzubieten. Die Stammbäume
sind so ein Bestandteil der Heilsbotschaft. Sie sind ein Element des
neutestamentlichen Kerygmas, der christlichen Verkündigung. Worin ruht also
ihre Bedeutung?
Die Frage lässt sich leichter
beantworten, wenn wir bedenken, dass die beiden Evangelisten mit der Anführung
der Stammbäume sich in der Tradition bewegen. Denn auch in vorchristlichen
biblischen Büchern begegnen uns häufig Stammbäume, z. B. in der Genesis, in
dem Buche Ruth, in der Chronik. Die Stammbäume gehören offensichtlich zur
heiligen Geschichte, welche Gott mit den Menschen wirkt. Sie sind in der Tat ein
Zeugnis für das geschichtsmächtige Handeln Gottes am Menschen und für die
Treue Gottes gegenüber dem Menschen. Nach Lukas, der sein Geschlechtsregister
in einer großartigen Aufgipfelung bis zu Gott selbst zurücklaufen lässt,
besteht ein ununterbrochener geschichtlicher Zusammenhang zwischen der Erschaffung
Adams und der Sendung Jesu. Nach Matthäus, der den Stammbaum mit Abraham
beginnen lässt, herrscht Kontinuität zwischen der Abrahams-Berufung und dem
Christus-Ereignis.
Es ist dem Evangelisten offenbar darum zu
tun, Jesus als Abrahams »Samen«, ja noch konkreter, als Davids Spross zu
erweisen. Gott selbst wird als der Wirker dieser Geschichte bezeugt. Er ergreift
den Menschen gewissermaßen nicht unmittelbar vom Himmel herunter in einer
vertikalen Bewegung, sondern durch den Gang der Geschichte hindurch in einem
horizontalen Geschehen. Die von ihm gewirkte Geschichte läuft auf einen
bestimmten Punkt zu, an weichem sich ihr Sinn vorläufig erfüllt, nämlich auf
Jesus Christus. Auf dieses Ziel steuert die von Gott geschaffene Geschichte
durch alle menschlichen Widersprüche und Gegenbewegungen hin. Gott ist
es, der die geschichtliche Be-
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wegung beginnt und aus dem Begonnenen
immer wieder Neues hervorgehen lässt, der den Anfang weiterführt, der
Vollendung entgegen, der durch die menschliche Sünde hindurch unbeirrbar,
seinem ewigen Heilsplan und der von ihm begonnenen irdischen Verwirklichung
treu, das Ziel erreicht, wenn auch in vielen, nicht selten stürmischen
Wellenbewegungen.
Nicht wenige Namen im Stammbaum Jesu
weisen darauf hin, dass die Vorgeschichte Jesu, die Geschichte Israels, Gottes
Gnade und menschliches Versagen, nicht menschlicher Ruhm ist. Es ist Gottes
barmherziger Führung und unerschöpflicher Treue zu verdanken, wenn die
geschichtliche Bewegung trotz der menschlichen Widerstände zum Heile führt.
Nach dem ewigen göttlichen Haushaltsplan laufen alle Wege der Geschichte auf
Christus hin. Er ist der neue Adam, der ein neues Geschlecht von Menschen
schafft, nämlich eine im Heiligen Geiste lebende Menschheit. Er ist der wahre
Davidssohn, der die Gottesherrschaft über die Menschen als Heilsherrschaft
aufrichtet.
Da Jesus als Marias Sohn erschienen ist,
haben die Stammbäume auch mariologische Tragweite. Indem nach dem Zeugnis der
Stammbäume die geschichtliche Bewegung auf Christus zuläuft, läuft sie auch
auf seine Mutter zu. Sie macht nur bei ihr nicht halt, sondern drängt über
sie hinaus zum Sohne. Aber wie alles Vorausgehende seine Sinnerfüllung in Jesus
gewinnt, weil er in allen Ereignissen der vorchristlichen Heilsgeschichte
gemeint ist, so beugt sich die Heilsgeschichte auf das letzte Glied in der
langen Reihe vor Christus hin, nämlich auf Maria. Sie ist die letzte Repräsentantin
des Volkes, das sich in den Geschlechterreihen von Abraham bis Christus
entfaltete.
Da nach dem Stammbaum bei Lukas Adam und
Christus einander gegenüberstehen, hat es seinen gu-
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ten Grund, wenn die Väter vom 2.
Jahrhundert an (Justin, Eirenaios, Hippolyt) Eva und Maria einander gegenüberstellen.
So ist auch Marias Gestalt in der
Geschichte verankert. Um der Christologie und der Soteriologie willen bzw. um
der soteriologisch verstandenen Christologie willen ist die Geschichtlichkeit
von Marias Heilsfunktion wesentlich. Um ihrer heilshaften Aufgabe willen ist
die Geschichtlichkeit ihrer Gestalt entscheidend. Maria ist nicht nur eine Idee
der Mütterlichkeit oder der fruchtbaren Jungfräulichkeit, auch nicht nur der
Kirche, sondern lebendige und konkrete, personhafte und geschichtsbestimmte
Wirklichkeit. Als geschichtliche Gestalt freilich ist sie dies andere alles
auch.
Auch das zweite Moment, das wir soeben an
den Stammbäumen abgelesen haben, tritt hier an Maria hervor: der
Gnadencharakter ihrer Erwählung zur Mutter Gottes. In seinem völlig freien,
in absoluter Souveränität gefassten Heilsplan hat Gott die geschichtliche
Entwicklung so geführt, dass sie zu Maria gelangt. Er hat sie von Ewigkeit her
als Mutter seines Sohnes ausersehen und die Geschichte nach diesem Plane gestaltet.
Oft schien die von Gott gewirkte Geschichte infolge menschlichen Versagens
abzubrechen und in andere Richtungen zu gehen. Gott behielt jedoch ihre Fäden
in der Hand. Vieles darin erscheint uns überraschend und unerwartet, ja
fremdartig und rätselhaft. Aber jedes Geschehen war ein von Gott gefügter
Schritt zu dem von ihm geplanten Ziel.