d)
Lukas
Was
das Lukasevangelium betrifft, so verkündet sein Verfasser im Vorwort (1, 1-4)
ausdrücklich, dass er es unternehmen wolle, von Grund auf und sorgfältig allem
nachzugehen, was sich in den letzten Zeiten ereignet und erfüllt hat, und
dabei die Überlieferungen derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des
Wortes waren, erforschen wolle, um es für den »hochverehrten« Adressaten
Theophilos der Reihe nach aufzuschreiben. So könne dieser sich von der Zuverlässigkeit
der Lehre überzeugen, in welcher er unterrichtet worden ist. Die lukanische
Kindheitsgeschichte soll im Zusammenhang mit Mt zur Sprache kommen.
e)
Verschiedenheit und Gemeinsamkeit bei Mt und Lk
Gerade
die Verschiedenheit der beiden Kindheitserzählungen spricht dafür, dass ihre
übereinstimmenden Angaben umso zuverlässiger sind. Man kann zwar die Realität
des von ihnen Gesagten nicht strikt »beweisen«. Da es sich um »Offenbarung«
handelt, ist dies
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prinzipiell
nicht möglich. Man kann indes zeigen, dass die jungfräuliche Empfängnis zum
Offenbarungsinhalt gehört.
In
einem späteren Zusammenhang werden wir den zu besprechenden Texten im Einzelnen
nachgehen. Das Urteil über den Geschichtswert der Kindheitserzählungen und
der darin berichteten Gottestaten wird, wie J. Schmid (Das Lukasevangelium, 3.
Auflage, 1955, 88) sagt, vom Urteil über die Persönlichkeit Jesu und über die
evangelische Geschichte überhaupt abhängen. Wer überzeugt ist, dass die
Heilige Schrift die Offenbarung Gottes bietet, wird anerkennen, dass in der
Kindheitsgeschichte die Heilsgeschichte in einer entscheidenden Weise ihren
Anfang nimmt. Neben den phantastischen Wundergeschichten der Apokryphen, des
Kindheitsevangeliums des Jakobus, des Thomasevangeliums und des arabischen
Kindheitsevangeliums wirken die Kindheitsgeschichten des Matthäus und des
Lukas geradezu nüchtern.
Die
Unabhängigkeit der beiden Evangelisten, ja die Tatsache, dass der eine das
Evangelium des anderen nicht gekannt hat, zeigt sich am klarsten bei Lukas 2,39.
Hier wird nämlich unmittelbar an die Darstellung Jesu im Tempel die Rückkehr
der Heiligen Familie nach Nazaret mitgeteilt, während wir bei Matthäus ein völlig
anderes Bild gewinnen.
Lukas
berichtet nicht wie Matthäus, dass Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem
gekommen sind, um dem, wie sie sagten, »neugeborenen König der Juden« zu
huldigen. Dies wäre schwer zu verstehen, wenn er davon gewusst hätte. Denn
gerade dieser Vorgang hätte für seine Adressaten, die Heidenchristen, ein
besonderes Interesse gehabt.
Wichtig
ist es, die wesentlichen Gemeinsamkeiten der beiden Evangelisten trotz der
vorliegenden redak-
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tionellen
Differenzen herauszustellen. Dies ist deswegen von besonderer Bedeutung, weil
sich an ihnen die richtige Wiedergabe der Überlieferung verbürgt. Es sind
folgende Züge (nach J. Schmid, a.a.O., 90): »1. Die Empfängnis und die Geburt
Jesu durch eine Jungfrau namens Maria (Mt 1,18-20 - vgl. auch 2,11. 13.20f; Lk
1,26-38). 2. Maria ist mit einem Mann namens Josef verlobt (Mt 1,18-20; Lk
1,27). 3. Josef stammt aus dem Geschlecht Davids (Mt 1,16.20; Lk 1,27; 2,4). 4.
Die Empfängnis ist durch den Heiligen Geist bewirkt. Es wird klar gesagt, dass
Josef nicht der wirkliche Vater Jesu war. 5. Die Empfängnis Jesu erfolgte zu
einer Zeit, da Maria bereits mit Josef verlobt, aber noch nicht in das Haus
ihres Mannes heimgeführt war, d. h. das Zusammenleben war noch nicht öffentlich
bekundet (Mt 1,24f; Lk 2,5). 6. Die Geburt Jesu fällt nach Mt 2,1 ausdrücklich,
nach Lk 1,5 wenigstens wahrscheinlich in die Tage des Königs Herodes. 7. Nach
beiden Evangelisten wird der Name Jesu schon im Voraus durch einen Engel
bestimmt (Mt 1,21: an Josef; Lk 1,31: an Maria). 8. Jesus stammt durch den
gesetzlichen Vater aus dem Geschlechte Davids (Mt 1,1; Lk 1,37). 9. Er wurde in
Bethlehem, im Stammesgebiet Judas (Mt 2,5f), in der Stadt Davids (Lk 2,11)
geboren. Beide berichten die spätere Übersiedlung bzw. Rückkehr der
Heiligen Familie nach Nazaret (Mt 2,23; Lk 2,39)«. Siehe auch G. Söll, Handbuch
der Dogmengeschichte III, 4: Mariologie 1978, 15.