b) Entstehungsgrund der Kindheitsgeschichten
Als
man begann, auf das Leben und Handeln Jesu vor seinem Tode und vor seiner
Auferstehung zurückzugreifen, spielte naturgemäß die in das Leben Jesu gehörende
Mutter eine größere Rolle. Diese neue Orientierung erreichte die höchste
Entfaltung in den wohl um 80 entstandenen Evangelien nach Matthäus und nach
Lukas, insofern diese beiden Evangelien auch die Empfängnis und die Geburt Jesu
berichteten, also nicht nur wie Markus Szenen aus dem öffentlichen Leben Jesu
brachten. Nach dem nach dem Jahre 70 entstandenen Markusevangelium (3,20f;
3,31-35) haben sich die Angehörigen Jesu und auch seine Mutter — diese
allerdings bloß in schweigendem Dabeisein — bemüht, Jesus aus seiner die
Volksmenge erregenden und Aufsehen hervorrufenden Wirksamkeit in das Haus zurückzuholen.
Matthäus (12,46) und Lukas (8,19 2f) mildern das in diesem Text für die
Christusgläubigen liegende Anstößige etwas ab. Eine weitere Szene aus dem
öffentlichen Leben Jesu bietet Lukas. Er lässt Jesus auf die Lobpreisung,
welche eine Frau seiner Mutter schenkt (Lk 11,18), antworten: »Ja, doch selig,
die das Wort Gottes hören und befolgen« (wohl nicht: nein, vielmehr selig
...).
Aus
dem Interesse für den Lebensanfang des Messias sind die Kindheitsgeschichten
im Matthäusevan-
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gelium
(Kap 1 und 2) und im Lukasevangelium (Kap 1 und 2) gestaltet. Sie weichen in
manchen Zügen voneinander ab, namentlich hinsichtlich der Stammbäume, so
dass sich ihre Berichte nicht oder nur künstlich harmonisieren lassen.
Offensichtlich lagen den beiden Evangelien verschiedene Überlieferungsformen
vor. Man muss auch beachten, dass jeder der beiden Evangelisten eine bestimmte
theologische Absicht verfolgte, das heißt, dass jeder das Überlieferte in
einer bestimmten theologischen Orientierung dargestellt hat. Die
Geschichtlichkeit der von Matthäus und von Lukas berichteten Vorgänge wird von
nicht wenigen Theologen bestritten. Es handle sich, so heißt es, um Legenden.
Derartige Ansichten können sich nicht auf Textschwierigkeiten der beiden
Evangelisten oder literarische Gründe stützen. Sie sind vielmehr bedingt
durch weltanschauliche Voraussetzungen und Voreingenommenheiten.