4.
ABSCHNITT
Das
Zeugnis der Heiligen Schrift von Maria
1.
Kapitel
Methodische
Vorbemerkungen
Die
Angaben der Schrift über Maria sind zahlenmäßig nicht sehr häufig. Sie
haben aber einen umso größeren Tiefgang und ein umso größeres Gewicht. Die
Schrift bietet also keine Marienlehre. Mit ihren Texten lässt sich kein
Marienleben schreiben. Sie enthält aber entscheidende Hinweise auf die Stellung
Marias zu Jesus Christus und zu der Gemeinde. Sie sagen das Fundamentale über
Maria aus, aus dem sich die kirchliche Marienlehre entfalten lässt.
Von
besonderer Tragweite ist für die mariologische Fragestellung die »Apostolische
Überlieferung«. Gerade hier freilich ergeben sich aufgrund der neueren theologischen
Forschungen beachtliche Fragen. Während man früher Schrift und Überlieferung
zwei voneinander unabhängige, nebeneinander herfließende »Quellen« der
Offenbarung nannte, ist, wie im ersten Bande dieses Werkes dargelegt wurde,
inzwischen die Erkenntnis gewonnen worden, dass nach dem Konzil von Trient die mündliche
Überlieferung ihr unverkennbares Gewicht hat, aber verstanden werden muss als
die (nicht nur logische, sondern im lebendigen Glaubensleben geschehene)
Fortentwicklung und Auswirkung dessen, was in der Bibel vorliegt.
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Diese
Erklärung hat einerseits die Folge, dass die Offenbarung in nicht wenigen und
nicht unwichtigen Fragen nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar in der
Heiligen Schrift gefunden werden kann und für ihre volle Erkenntnis die Überlieferung
im Sinne der konstitutiven Schriftauslegung herangezogen werden muss, dass
dabei aber immer die Schrift selbst der Maßstab bleibt für den Inhalt der Überlieferung.
Daraus ergaben sich nicht selten schwer zu handhabende hermeneutische Regeln.
Für
die Erkenntnis der Offenbarung in der nachbiblischen apostolischen Überlieferung
ist es auch von Gewicht, zu unterscheiden zwischen der persönlichen Meinung
eines Theologen und der zur apostolischen Überlieferung gehörenden
kirchlichen Aussage.
Bei
der Interpretation der Schrift kann der Theologe von zwei Gefahren bedroht
werden. Die eine ist die spezifische Gefahr des Dogmatikers, die andere jene des
Exegeten. Die beiden Gefahren ergeben sich aus den je besonderen Aufgaben dieser
zwei theologischen Wissenschaftszweige. Der Dogmatiker kann von der Versuchung
angefochten werden, alles schon formell in der Schrift finden zu wollen, was später
das kirchliche Lehramt als Glaubensinhalt hinstellt (Mystizismus). Er vergäße
in einer solchen Denkweise, dass die Kirche eine geschichtliche Realität ist,
zu der das Wachsen gehört.
Dem
Exegeten kann es von seiner exakten philologischen Methode her manchmal
vorkommen, als ob sich von einer späteren kirchlichen Aussage nichts oder wenig
in der Schrift fände (Rationalismus). Es ist in der Tat für den Bestand der
Theologie als Wissenschaft lebenswichtig, dass genau geprüft wird, was in
der Schrift steht und was nicht in ihr steht. Man darf indes nicht übersehen,
dass es für spätere kirchliche
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Aussagen
genügt, wenn die Schrift keimhafte Ansätze bietet. Mehr wird für die
Glaubensaussage selbst nicht gefordert.
Für
die Entfaltung der in der Schrift gesäten Keime sind mancherlei Kräfte
wirksam. Deren Einsatz ist nicht ausschließlich der Tätigkeit des in der
Kirche wirkenden Heiligen Geistes zu verdanken, sondern geht weithin auf das
Konto der freien Entscheidung der Glaubensträger. Man könnte sich, ohne mit
dem Glauben bzw. mit der Schrift in Widerspruch zu geraten, vorstellen, dass
manche Keime, die sich später entfaltet haben, unentfaltet geblieben wären,
oder dass un-entfaltet Gebliebenes entfaltet worden wäre. Wenn die freie
Entscheidung der Glaubensträger genannt wird, so heißt dies nicht, dass Willkür
am Werke ist. Die freie Entscheidung ist vielmehr ihrerseits wieder bedingt
durch Zeitumstände oder durch Fragen und Probleme in den Gemeinden oder durch
neu sich eröffnende Verstehensmöglichkeiten. (Siehe für diese Problematik
L. Scheffczyk, Einleitung in dem Werke »Urstand, Fall und Erbsünde« Im »Handbuch
der Dogmengeschichte«, Bd. 2, Artikel 3d, 1982,
5ff.)