5.
Kapitel
Mariologische
Grundperspektive
Was
die vorhin gestellte Frage nach dem mariologischen Grundprinzip betrifft, so
ist folgendes zu sagen: Wie schon betont wurde, versteht man unter dem
Grundprinzip jenen Grundgedanken bzw. jene Grundperspektive, welche alle
Aussagen im mariologischen Traktat verständlich macht und zur Einheit
zusammenfasst. Die Antwort wird naturgemäß berührt und gefärbt von der
Antwort nach dem Grundprinzip der Theologie im Ganzen. Die mariologische
Teilantwort wird anders lauten, wenn man Gott unter dem Aspekt seines Gottseins
oder unter dem Aspekt seiner Selbstmitteilung, anders, wenn man Christus,
anders, wenn man die Kirche, anders, wenn man die Vollendung der Welt und der
Menschen aufgrund der leibhaftigen Verklärung in der absoluten Zukunft den
Grundgedanken der Theologie nennt.
Im
Laufe der Diskussionen sind folgende Charakterisierungen des mariologischen
Grundgedankens her-
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vorgebracht
worden: Maria als zweite Eva, Maria als Vollerlöste, Maria als Urbild der
Kirche, Maria als Mutter der Kirche, Maria als Vertreterin der sich Christus
anheimgebenden Menschen oder als bräutliche Gottesmutter oder Maria als
Mutter des menschgewordenen Gottessohnes, als Braut des Heiligen Geistes.
Der
Tradition entspricht besonders der Gedanke der Mutterschaft Marias und jener des
Urbildes der Kirche. Es scheint, dass der Gedanke der Gottesmutterschaft am
meisten den an das Grundprinzip zu stellenden Anforderungen und dem ständigen
Bewusstsein der Kirche in Glaubensvollzug und Theologie gerecht wird. Er
begreift die in den übrigen Vorschlägen enthaltenen Elemente in sich, setzt
aber die Akzente gemäß der heilsgeschichtlichen Bedeutung Marias am sichersten
und bleibt der konkreten, nüchtern erfassten Wirklichkeit am nächsten.
Die
anderen Vorschläge sagen wohl im Kern das gleiche, bewegen sich aber stärker
in abstrakter Spekulation und bedürfen vielfach einer umständlichen Interpretation.
Mutterschaft ist in einem umfassenden, existentiell-personalen Sinn zu
verstehen, nicht in dem Sinne eines bloßen, die Menschenwürde und die gläubige
Hingabe an Gott außerachtlassenden biologischen Instruments. Sie schließt
die liebende und gehorsame Übernahme des göttlichen Auftrags in sich. Sie
umgreift die Bereitschaft zum Engagement im Heilsplane Gottes und im Lebenswerk
Jesu als ein von ihr nicht ablösbares Element. In der von Gott vorausbestimmten
Zustimmung Marias nimmt die Menschheit selbst die erlösende Christusgnade an.
Ja, in Marias »in« und »durch« Christus vollzogene Hingabe an Gott
erscheint die Menschheit selbst als eine durch Christus sich Gott anheimgebende
Gemeinschaft.
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Aus
dieser so verstandenen Mutterschaft lassen sich die übrigen in der Schrift, sei
es formaliter, sei es fundamentaliter, gemachten Aussagen über Maria ableiten,
und zwar nach den Methoden der logischen Entfaltung, der theologischen
Analogie, der Konvenienz, der religiösen Erfahrung. Durch das Prinzip der
Mutterschaft gewinnen die übrigen Aussagen über Maria ihren Heilssinn und ihr
Gewicht. Durch sie wird ihnen jeweils die rechte Koordinatenstelle in der Theologie
zugewiesen. Außerdem liegt in ihr auch der Ansatz für die marianische Frömmigkeit,
für ihre Berechtigung und zugleich für ihre Grenze.
Vielleicht
lässt sich dies alles in der Kurzformel ausdrücken: die den Menschen den göttlichen
Retter vermittelnde Muttergottesschaft.
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