4. Kapitel

 

Mariologie und Ekklesiologie auf dem

II.Vatika­nischen Konzil

 

Das II. Vatikanische Konzil hat selbst keinen mario­logischen Traktat ausgearbeitet, sondern nach langen Diskussionen aufgrund der in den Jahrzehnten vor dem Konzil enthaltenen Reflexion über die Kirche ei­nen neuen Weg beschritten, indem es, ohne alle von der Theologie aufgeworfenen Fragen beantworten zu wollen, in der Konstitution über die Kirche eine Art mariologischen Kurztraktates geboten hat.

In der kirchlichen Liturgie, welche Ausdruck des Glaubensvollzuges und vielfach auch Grundlage des Glaubens der Kirche (glaubensbegründend, mehr aber glau­­bensbezeugend) ist, wird die Einheit von christo-lo­gisch-christozentrischer und ekklesiologisch-ekklesi­a­ler Sicht anschaulich, wenn im Kanon steht: »In heiliger Gemeinschaft ehren wir vor allem das Anden­ken der seligen, allzeit reinen Jungfrau und Gottesge-bärerin Maria«. Papst Paul VI. hat in seinem schon ge­nannten Schreiben gerade auf das marianische Ele­ment in der Liturgie, namentlich durch die Feiern von Marienfesten hingewiesen. Die eventuellen Schatten­seiten einer ekklesialen Eingliederung müssen in Kauf genommen werden (vgl. J.Ratzinger, Einführung in das Christentum, 3.Aufl., 1969).

Die ekklesiale Sicht wirkt sich darin aus, dass in der vor­liegenden Neuauflage Maria nicht mehr wie in der 1. Auflage im Zusammenhang mit der »Rechtferti­gung«, mit der Gestalt des erlösten Menschen als Höchsterlöste beschrieben wird, sondern nach dem Vorgang des Konzils im Zusammenhang mit der Ekkle­siologie.

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In den Kindheitsgeschichten schwingen Ahnungen und Sehnsüchte der gesamten Menschheit mit: Isaak (1 Mose 18), Simson (Rich 13), Samuel (1 Sam 1f) und Johannes der Täufer (Lk 1). Indem Frauen trotz hohem Alter oder Unfruchtbarkeit gebären, wird deut­lich, dass das Kind, durch das Gott seinem Volk einst helfen will, nicht menschlichem Planen entstammt, sondern in besonderer Weise Gottes Geschenk ist. In diese Richtung weisen auch die Aussagen der Prophe­ten über ihre Berufung (Jer 1,5ff; Dt-Jes 49,1; vgl. auch Gal 1,15): Von Geburt an hat der Herr mich beru­fen und zum Propheten für die Völker bestimmt. In dieser Linie steht Jesus. In ihm sind die Sehnsüchte der Menschheit, ihre Hoffnungen auf den Retter und Helfer erfüllt.

Doch ragt Jesu Geburt aus der Jungfrau über diese Beispiele hinaus. Durch seinen Geist, das heißt mit der gleichen Macht durch die er die Welt ins Dasein rief (vgl. 1 Mose 1), macht Gott in Jesus einen neuen An­fang mit der Menschheit; in Jesus verbindet er sich mit dem Menschen. Darum bekennt die Kirche neben dem Satz »wahrhaftiger Mensch« mit gleichem Gewicht den anderen: »wahrhaftiger Gott«. »Empfangen durch den Heiligen Geist«, sagt das Credo. Jesus stammt nicht nur von ganz unten; er stammt auch von ganz oben.

Insofern das Glaubensbekenntnis mit den Sätzen »empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria« an das alles erinnert, ist es tref­fend und unersetzlich. Die heutige Jesusverehrung, die geneigt ist, alles auf das Menschliche zu reduzie­ren, hat es nötig, sich an die Göttlichkeit Jesu erinnern zu lassen; denn nur so bleibt er der Jesus unseres Glaubens.

Eine Abwertung des Geschlechtlichen, wie sie zu­weilen aus diesen Sätzen herausgelesen wird, liegt

 

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dem Glaubensbekenntnis fern. Bei der Aussage über Jesu Empfängnis geht es auch um die Frage: Wo fangt das Handeln Gottes mit einem Menschen an? Gott verbindet sich nicht nur mit dem Denken, Fühlen und Wollen des Menschen, mit dem Geist und der Seele, sondern mit dem ganzen Menschen in seiner Leiblichkeit und Verflochtenheit in die Natur: »in unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut.«

  

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