4. Reformatorische Ansichten

 

In den heutigen protestantischen Bekenntnissen werden sehr gegensätzliche Ansichten über Maria ver­tre­ten, von kategorischer Ablehnung bis zu einer weit­ge­henden Bejahung der Funktion und der Gestalt Ma­rias.

Es sei ein Text aus dem Lutherischen Erwachsenen­katechismus angeführt. S.393 steht: »Maria ist nicht nur .katholisch'; sie ist auch ,evangelisch'. Protestan­ten vergessen das leicht. Aber Maria ist ja die Mutter Jesu, ihm näher als seine nächsten Jünger. Mit wel­cher Mensch­lichkeit zeichnet das Neue Testament die­se Nähe, ohne Marias Abstand von Jesus zu ver­schweigen! Ein Beispiel für diesen Abstand steht aus­gerechnet bei Lukas, der soviel von Maria erzählt. Da sagt eine Frau aus der Menge zu Jesus: ,Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du ge­sogen hast.’ Jesus entgegnete: ,Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren' (11,27f). Aber gilt nicht genau das für Maria? Sie wird als die beispielhaf­te Hörerin des Wortes Gottes gezeichnet, als die Magd des Herrn, die Ja zu Gottes Willen sagt, als die Begna­dete, die aus sich selber nichts, durch Gottes Güte aber alles ist. So ist Maria das Urbild der Menschen, die sich von Gott öffnen und beschenken lassen, der Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche. Dabei bleibt sie ganz und gar ein Mensch, und keine bibli-

 

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sehe Aussage über sie dehnt das Bekenntnis, das für Jesus gilt, auf sie aus: ,empfangen durch den Heiligen Geist'. In der Nähe solcher Regionen wurde sie erst im Laufe der Marienverehrung erhoben — gewiss aus be­ster Absicht und ausgehend von gewissen Ansätzen, die schon im Neuen Testament beginnen. Was hat al­lein die christliche Kunst von der Altarmalerei bis zu den Marienliedern daraus gemacht? Man betrachte Michelangelos Pieta im Petersdom in Rom, Riemen­schneiders Darstellung der Himmelfahrt Mariens in sei­nem Schnitzaltar in der Herrgottskirche in Creglingen oder Gregor Erharts Schutzmantelmadonna im Kirch­lein zu Frauenstein in Oberösterreich! Da ist tiefste reli­giöse Inbrunst.

So konnte schließlich das unscheinbare Wort ,Jung­frau' mit schwerstem dogmatischem Gewicht belastet werden - bis hin zu den römisch-katholischen Lehren von der unbefleckten Empfängnis (das heißt, dass Maria selbst im Leibe ihrer Mutter ohne Erbsünde empfangen wurde) und von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel. Evangelische Marienverehrung kann bescheidener sein, weil die Bibel bescheidener ist. ,Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau' — das bekennen wir von Jesus, und damit bekennen wir uns auch zu Maria als der Mutter un­se­res Herrn. Das Weibliche, das Empfangende, das Mütter­liche ist nicht der schlechteste, eher der bessere Teil des Menschlichen und erst recht des Christlichen.«

In seiner Auslegung des Lobgesangs Marias (Magni-ficat, Lk 1,36-55) von 1521 sagt Luther zu dem Satz Marias »denn er hat große Dinge an mir getan«:

»Die großen Dinge sind nicht anders, denn dass sie Gottes Mutter ist worden, in welchem Werk so viele und große Güter ihr gegeben sind, dass sie niemand begreifen kann. Denn da folget alle Ehre, alle Seligkeit,

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und dass sie im ganzen menschlichen Geschlecht eine einzigartige Person ist über alle, der niemand (darin) gleich ist, dass sie mit dem himmlischen Vater ein Kind, und ein solches Kind, hat... Darum, in einem Wort, hat man alle ihre Ehre begriffen, so man sie Gottes Mutter nennt; kann niemand Größeres von ihr noch zu ihr sagen, wenn er gleich so viele Zungen hätte, als Laub und Gras, Sterne am Himmel und Sand am Meere ist. Es will auch mit dem Herzen bedacht sein, was das sei, Gottes Mutter sein.«

Zur Jungfrauengeburt erklärt der lutherische Dogma­ti­ker P. Althaus: »Das Bekenntnis von der Jung­frau­en­geburt lässt sich dogmatisch nicht als ein not­wendiges und unveräußerliches Stück des Bekennt­nisses zu Jesus Christus erweisen.« Nach dem ge­nannten Katechismus scheint, wie er sagt, der Weg, den der katholische Holländische Katechismus gegan­gen ist, »der glücklichste zu sein« (Jesus, »Geschenk Gottes«: »Sie [die Evangelisten Mt und Lk] verkünden, dass diese Geburt unendlich herausragt über die jedes Menschenkindes und in keinem Verhältnis steht zu dem, was Menschen aus sich können.«). Dies läuft auf eine tiefe Symbolik der biblischen Texte von der Jung­frauengeburt hinaus. Es ist katholische Glaubenslehre, dass Jesus tatsächlich auf jungfräuliche Weise emp­fangen und geboren wurde, ohne dass dabei die Sym­bolik (die Bedeutung) dieser Tatsache unbeachtet bleibt. So groß daher der Unterschied zwischen der katholischen und der lutherischen Lehre auch ist, so stellt es doch einen wichtigen ökumenischen Fort­schritt dar, was der erwähnte Katechismus zur Mariologie sagt.

 

 

 

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