3.
Verselbständigung der Mariologie?
In
der Neuzeit trat gelegentlich die Gefahr auf, dass sich die in der Väterzeit
und im Mittelalter ganz in die Christologie eingebauten mariologischen Aussagen
von ihrer Basis lösten und eine der Christologie und der Ekklesiologie
gleichrangig an die Seite gestellte Mariologie konstituierte. Nach dem auch im
Glau-bensvollzug der Kirche geltenden geschichtlichen Gesetz von These und
Antithese ist heute, vor allem auf
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grund
der mariologischen Texte des II. Vatikanischen Konzils, eine Synthese erreicht
worden. Da das Mittelalter noch keinen ekklesiologischen Traktat entwickelt
hat, konnte es mariologische Aussagen naturgemäß im allgemeinen nur in
christologischem oder soteriolo-gischem Zusammenhang bieten.
Das
II. Vatikanische Konzil hat nach langen Diskussionen aufgrund der in den
letzten Jahrzehnten lebhaft entfalteten Reflexion über die Kirche einen neuen
Weg beschritten.
In
dem Albert dem Großen (gest. 1280) sicher zu Unrecht zugeschriebenen Werk »Mariale«,
das den ersten Versuch einer systematischen Mariologie darstellt, wird die
Systematisierung erreicht durch ein mehr ideologisches als theologisches
Prinzip, durch das Prinzip nämlich von der alles und jedes umfassenden
Gnadenfülle Marias. Diese Methode führt z. B. dazu, dass Maria bedeutende
physikalische Kenntnisse zugesprochen werden. Eine solche Vorstellung geht über
die Grenzen, welche uns Schrift und Überlieferung setzen, hinaus und lässt
sich nur aus apokryphen Evangelien erklären. Das Werk steht jedoch nicht in der
Gefahr, den Unterschied zwischen Maria und Jesus Christus zu verwischen, und
berichtet trotz seinem Hang
zum Überschwang in den Kernfragen reale Geschichte.
Im
17. und 18. Jahrhundert wird die Mariologie zwar in hohem Maße von Affekt und
Polemik bestimmt, vertiert sich aber nicht in ahistorische Phantasie. Das vielfach
verwendete, von Bernhard von Clairvaux stammende Wort »Von Maria nie genug«
führte zwar gelegentlich zu seltsamen, ja häretischen Übersteigerungen,
z. B. zu der wenn auch nur einmal aufgestellten These, dass Maria die vierte
Person in der Gottheit sei. Vielleicht hätte die Kirche in der Barockzeit im
Interes-
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se
des wahren traditionellen Marienglaubens solche Übertreibungen deutlich zurückweisen
sollen. Das genannte Wort Bernhards ist indes wohl nicht quantitativ oder
absolut, sondern intensiv zu verstehen, insofern sich die Tiefe von Marias
Gottverbundenheit durch keine rationale Anstrengung ausschöpfen lässt.