3. Kapitel

 

Die Einzelantworten auf die genannten Teilfragen

 

 

1. Mariologische Aussagen in Verbindung mit

christologischen Aussagen im NT

 

Dass man über Maria, die zunächst als ein frommes jüdisches Mädchen bezeichnet werden kann, das in dem damals üblichen Alter (14 — 15 Jahre) mit einem

 

13

 

Manne verlobt war, spezifische theologische, für die gesamte Heilsgeschichte, ja für die Weltgeschichte bedeutsame Aussagen machen kann und machen muss, ist in ihrer, in der nur ihr zukommenden Chri-stusbezogenheit begründet. Dies wird deutlich durch die Stelle Gal 4,4, die sogleich in einem größeren Zu­sammenhang ausgelegt werden soll, aber auch in den von Maria handelnden, später verfassten Texten der Evangelien.

Maria ist in das Schriftzeugnis des Neuen Testa­mentes über den menschgewordenen Gottessohn not­wen­di­gerweise einbezogen und zwar derart, dass die Aussagen über dessen Geschichtlichkeit einerseits und seine ewige Existenz andererseits unlöslich mit je­nen über seine Mutter verbunden sind. Alles, was über Maria in der Schrift berichtet wird, steht in christologischem Licht und ist zugleich sprachliche Gestalt für den Ausdruck des Glaubens an Christus. Es lässt sich über den menschgewordenen Gottessohn, über seine Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht, über seinen Ort in der menschlichen Geschichte nicht konkret sprechen, ohne seiner durch die Geburt bestimmten Einordnung in eine bestimmte Zeit mit ihrer Kultur und ihrem Glauben und seiner Festlegung auf einen be­stimmten räumlichen Ort, ohne seiner Kontinuität und seiner Diskontinuität in der Geschichte zu gedenken. Dies wird im Neuen Testament bei Matthäus und bei Lukas besonders deutlich. Ihre Aussagen über den Stammbaum und die Kindheit Jesu werden im mario­logischen Rahmen gemacht. Die Tatsache, dass die Glaubensaussagen dieser beiden Evangelisten über Maria im Grunde genommen Glaubensaussagen über Jesus sind, wird in dem Artikel der kirchlichen Symbola »geboren aus Maria, der Jungfrau« zum Glaubens­bekenntnis. Hier ist die Rückbindung der ekklesialen

14

 

Glaubensaussagen über Maria an die Christologie un­übersehbar (siehe Band 4). Siehe W.Sandfuchs (Hrsg.), Ich glaube, mit Beiträgen von A. Auer, E. Biser, K. For­ster, H. Fries, U. Horst, 0. Lechner, K. Lehmann, K. Rahner, J. Ratzinger, Sandfuchs, L. Scheffczyk, M. Schmaus, R. Schnackenburg, 0. Semmelroth, 1975.

Es ist also selbstverständlich, dass in der Theologie von Anfang an aufgrund des Christusglaubens Aussa­gen über Maria gemacht wurden, auch wenn solche nicht in jedem der Großevangelien in gleichem Maße und in der gleichen Form erscheinen. Sie sind in ver­schiedenen Variationen dargeboten als das Resultat besonderer Überlieferungsströme und gläubiger Refle­xion sowie frommer Verehrung und tragen strecken­weise das Gepräge dichterischer Gestaltung an sich.

Man darf nicht übersehen, dass für die in den Kind-heitserzählungen als Niederschlag religiösen Glaubens vermittelte Geschichte Maria selbst und nur sie die Quelle sein kann. Es wäre verwunderlich, wenn Maria im Kreise der Apostel und der ersten Jünger, von dem die Apostelgeschichte spricht (1,14), von ihren Erfah­rungen mit Jesus nicht gesprochen hätte.

Es ist auch zu bedenken: Die himmlische Botschaft, dass sie die Mutter des Messias werden soll, gibt ihr ei­nen starken Impuls zu einem Besuch bei ihrer Base Elisabeth, um sich mit Elisabeth auszusprechen. Sowohl dieser als auch Maria selbst und auch dem den Mes­sias im Tempel begrüßenden Simeon legt der Evange­list je ein aus alttestamentlichen Elementen gewobe­nes Dank- und Preislied in den Mund. Die Geburt Jesu erfolgte in Bethlehem (Mt 1,23; 2,1; Lk1,27; 12,4). Hir­ten und Weise aus dem Orient kommen, um das Kind zu verehren. Maria muss wegen der Verfolgungsab­sicht des Herodes in das Exil nach Ägypten gehen. Nach ihrer Rückkehr lebt sie mit Jesus und Josef in

15

 

Nazaret (Mt 2,23; Lk 2,39). Jesus wurde dem Gesetze gemäß beschnitten und im Tempel dargebracht (Lk 2,21-40). Aus der Kindheit Jesu wird nur noch eine Szene erzählt: Die Tempelwallfahrt nach Jerusalem (Lk 2,42-52). Diese ist deshalb bemerkenswert, weil Jesus, ohne seine Eltern zu verständigen, sich bei der Rückkehr nicht den übrigen Pilgern anschloss, sondern im Tempel zurückblieb und den Eltern, als sie ihn unter vielen Sorgen suchten und fanden, die überraschende Antwort gab: »Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?« Maria und Josef ver­standen, wie der Evangelist berichtet, diese Worte nicht. Maria bewahrte sie aber alle gläubig in ihrem Herzen.

Weitere Nachrichten bieten Mt 12,46-50; Mk 3, 31-35; Lk 8,19-21; ferner die Apostelgeschichte und das Johannesevangelium. Nach der Apostelgeschichte wartete Maria mit den Jüngern Jesu in Jerusalem auf die Herabkunft des von Christus verheißenen Heiligen Geistes (Apg 1,14).

Man darf sich nicht wundern, dass infolge der menschlichen Neugierde von der dichtenden Phanta­sie die Lücken ausgefüllt wurden, welche die Schrift lässt. Dies führte gelegentlich zu enthusiastischem Überschwang (Apokryphen).

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band V-5