2. Kapitel

 

Der geeignete theologische Traktat

für die Einordnung der Mariologie

 

Wenn man die Mariologie in einen der üblichen Traktate der Theologie als eigenes Stück einordnet, ergibt sich die Frage, in welchem dies am besten ge­schieht. Insofern die Gestalt und die Wirksamkeit Marias ganz auf Christus hingeordnet ist und von Chri­stus abhängt, kann man den mariologischen Traktat an das christologische Lehrstück anschließen.

Insofern Maria die geistliche Mutter der Gläubigen das hervorragendste Glied, ja Beginn und Urbild der Kirche ist, kann man ihn auch dem Lehrstück von der Kirche folgen lassen oder auch voranstellen oder ein­fügen, um so mehr, weil Maria die »Magd« sein will, die sich dem Heilsplan Gottes völlig zur Verfügung stellt und diese ihr ganzes Leben prägende Bereit­schaft nie mehr aufgibt.

Soweit in der mittelalterlichen Theologie mariologi­sche Aussagen in systematischen Zusammenhängen gemacht wurden, waren sie in die Christologie einge­fügt. Dieses Vorgehen finden wir z. B. bei Thomas von Aquin (Summa theologiae III, q. 27 — 30}. Er will nach der Darstellung der hypostatischen Union und ihrer Heilsfolgen konkret vom irdischen Leben und Tun Je-su handeln und spricht dabei konsequenterweise von Maria. Die mariologischen Aussagen sollen nach sei­ner Absicht einen Abschnitt aus dem Leben Jesu er­hellen, nämlich seinen Eintritt in die Welt, die Inkarna­tion des ewigen Gottessohnes und deren geschichtli­che Konsequenzen. Die Empfängnis und die Geburt sowie das Werk Jesu erfordern, wenn sie einen Ort in

 

12

 

der Geschichte haben sollen, die Nennung der Mutter und ihres Glaubens.

In diesen Zusammenhang gehört das von Otto Sem-melroth SJ mit großer Sachkenntnis zur Diskussion gestellte (3.) Problem, jenes nach dem Grundprinzip der Mariologie. Man kann unterscheiden zwischen der Grundfunktion, welche Maria im Heilsgeschehen aus­übt, und dem Grundgesichtspunkt einer mariologi­schen Abhandlung.

Die Grundfunktion ist naturgemäß die jungfräuliche Mutterschaft Marias. Diese wird sich in einem allen­falls feststellbaren Grundgesichtspunkt eines mariolo­gischen Traktates spiegeln müssen, braucht aber nicht notwendig mit ihm identisch zu sein. Infolge der Stel­lung Marias im gesamten göttlichen Heilsplan muss man bei der Suche nach einem Grundprinzip damit rechnen, dass der in der Mariologie eventuell auszusa­gende Grundaspekt der für sie geltenden Grundfunk­tion übergeordnet und deren ideelle Voraussetzung ist.

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band V-5