3.
Kapitel
Überlieferungscharakter
der Texte
Für
das Verständnis der neutestamentlichen Eucha-ristietexte und für die
Beurteilung ihres gegenseitigen Verhältnisses ist es aufschlußreich, einen
Blick auf ihre Entstehung und ihren Anlaß zu werfen. Paulus, um mit seinem
besonders aktuellen Schreiben zu beginnen, beruft sich im 11. Kapitel des 1.
Briefes an die Christengemeinde in Korinth auf die Überlieferung, und zwar auf
die Überlieferung vom Herrn her, auf die ununterbrochene Kette der Weitergaben.
Es ist, wie
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man
mit Sicherheit behaupten darf, nicht eine ihm persönlich und unmittelbar
zuteil gewordene Offenbarung durch Christus gemeint, sondern eine Tradition, die
auf den Herrn zurückgeht und von ihm über die Reihe der Überlieferer bis zu
Paulus hingelangt ist. Paulus hatte nach seiner Bekehrung viele Gelegenheiten,
die vom Herrn ausgehende Überlieferung kennenzulernen (z.B. Apg 9,6-30; 15; Gal
1,18; 2,1-10). Er hat, was er durch Überlieferung erfahren hat, bei seiner
zweiten Mrssionsreise im Jahre 52/53 in Korinth verkündet. In seinem Briefe
erinnert er die Empfänger daran. So stellt der Brief nicht eine Belehrung der
christlichen Korinther über einen Glaubensinhalt dar, den sie noch nicht
kennen. Er bietet vielmehr eine Mahnung (Paränese), die den Korinthern längst
bekannte, uralte Feier in der rechten Weise zu begehen. Der Apostel schreibt aus
pastoraler Sorge. Er selbst hat wohl die Überlieferung um das Jahr 40 in
Antiochien empfangen. Außerdem lagen ihm wohl Stücke aus dem Urmarkus und
aus anderen Sammelwerken vor.
Näherhin
gilt der Überlieferungscharakter zweifellos von den Versen 11, 23b bis 25, wohl
aber auch darüber hinaus von den Versen 26-29. Erst mit dem Verse 30
beginnen sicher die von Paulus selbst gezogenen Folgerungen, welche sich aus der
verkehrten Eucharistiefeier in Korinth ergeben.
In
der Bestimmung des paulinischen Textes als eines ursprünglichen Traditionsgutes
führt uns die Erkenntnis weiter, daß es sich, wie schon betont wurde, um
einen aus der Liturgie kommenden Text handelt. Es ist zu bedenken, daß die
erste Verkündigung nach der Geistsendung am Pfingsttag ihren Niederschlag und
ihre Konkretion gefunden hat in Texteinheiten des urapostolischen Kerygmas.
Dessen Kerninhalt war: Jesus ist gekreuzigt, aber von Gott von den Toten erweckt
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und
erhöht worden. Es hat verschiedene konkrete Einzelformen aus sich entlassen,
die als solche in den Gemeinden weiter überliefert wurden: Glaubensformeln,
Bekenntnisformeln, Kultformeln, Berichte über die Worte (Logien Jesu), Berichte
über die Taten Jesu. In den Evangelien, namentlich in den synoptischen, sind
diese verschiedenen Einzelstücke zu größeren Einheiten (z. B. Groß-Markus)
zusammengefügt und auf das historische Leben Jesu zurückbezogen worden. Daß
bei der Beurteilung ihres Berichts- und Geschichtswerkes die
formgeschichtlichen, die traditions-geschichtlichen und die
redaktionsgeschichtlichen Probleme beachtet werden müssen, wurde früher
hervorgehoben (Band 1).
Es
ist selbstverständlich, daß von Anfang an gemäß dem Auftrag Jesu die Feier
seines Gedächtnisses begangen worden ist und zwar in der Gestalt eines Festmahles
(vgl. Apg 2,42; 20,7-11). Je weiter die Zeit voranrückte, je mehr Menschen
durch die Taufe dem Leibe Christi eingegliedert wurden, umso mehr mußte der
Sinn der Feier erklärt und ihre Abhaltung begründet werden. In der
Interpretation und der Begründung spielte naturgemäß der Rückgriff auf die
überlieferten Worte Jesu bei seinem Abschiedsrnahl die Hauptrolle. Daß hierbei
die Hagiographen trotz aller Treue im Wesentlichen ihrerseits entsprechend der
Situation in den Gemeinden und ihrer eigenen Sprachkraft besondere Akzente
setzten, ist verständlich. Paulus hat z. B. mit der Erinnerung an wohlbekannte
Texte gegen Mißbräuche argumentieren wollen. Er wäre aber Gefahr gelaufen,
daß gegen seine Argumentation schwere Vorwürfe und Einwendungen erhoben worden
wären, wenn er an dem allen geläufigen Wortlaut wesentliche Abstriche oder Zusätze
oder Akzentverschiebungen gemacht hätte.
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Die
Begründung und die Interpretation der in den Gemeinden mit den überlieferten
Texten begangenen Feiern umfaßte begreiflicherweise sehr viel längere
Passagen, als sie uns heute in den eucharistischen Teilen begegnen. Diese
stellen gewissermaßen die Zusammenfassung oder das Destillat dessen dar, was in
den wirklichen Feiern gesprochen worden ist.
An
der geschichtlichen Zuverlässigkeit der Texte, auch der kultisch-liturgischen,
ist nicht zu zweifeln. Der Markustext insbesondere verdient volles Vertrauen (R.Pesch).
Dies zeigt eine eingehende Exegese. Der Text ist Maßstab und Norm für die übrigen
Berichte. Von ihm läßt sich der Kerninhalt aller übrigen Aussagen
ableiten. Sie stellen geradezu Explikationen des von Markus Gesagten dar.