2. Katholische Erklärung der Transsubstantiation nicht von unten, sondern von oben
Während
sich diese Interpretationen jenseits der katholischen Glaubenslehre bewegen, läßt
sich innerhalb ihres Rahmens eine Verwandlung vorstellen, welche ihren
Ausgang nicht in der Verwandlung der Brot- und Weinsubstanz nimmt und von da aus
zu Jesus Christus gelangt, sondern bei Jesus Christus selbst und von seinem
Heilstun her zur Verwandlung von Brot und Wein hinführt (Th. Sartory [Hrsg.],
Die Eucharistie im Verständnis der Konfessionen, Recklinghausen 1961).
Unter
Verwendung eines für die Theologie und die Philosophie des Thomas von Aquin
grundlegenden Gedankens läßt sich folgende These entwickeln (deren Kern stammt
von B. M. Möller): Das eigentliche Sein ist das geistige Sein. Das materielle
Sein gewinnt Sinn und Grund erst vom geistigen. Es bekommt seine Substantialität
vom geistigen Sein oder genauer gesagt von der Personalität des Menschen. Der
Mensch gebraucht die materiellen Dinge als seine Werkzeuge. Ihr Wesen besteht
darin, daß sie von ihm gebraucht werden und gebraucht werden können.
Dadurch, daß er sie gebraucht und in sein Tun aufnimmt, werden sie gewissermaßen
Teile seiner selbst. Sie werden von ihm »versubjektiviert«, indem sie in seine
eigene Subjektivität aufgenommen werden. Von dieser Sicht aus kann ein Weg
zum Verständnis der eucharistischen Wesensverwandlung führen.
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Jesus
Christus nimmt nämlich in allen Sakramenten analog seinem Heilswirken während
seines ge- schichtlichen Daseins sichtbare materielle Dinge in sein eigenes
Heilstun auf. Die Worte, welche das jeweilige Sakrament mitkonstituieren,
wirken und erklären den Heilseffekt des betreffenden Sakraments. In der
Eucharistie nimmt Jesus Christus Brot und Wein mit einer besonderen Mächtigkeit
in seine Heilskraft hinein. Seine Heilsmacht ist identisch mit der heilwirkenden
Liebe. Er versubjektiviert daher Brot und Wein, indem er sie in seine
heilschaffende Liebe aufnimmt.
Zu
dem Vorgang, der sich hier vollzieht, gewinnen wir aus unserer Alltagserfahrung
einen Zugang. Wenn wir einem Freunde ein Geschenk überreichen, so ist dieses
Sinnbild für unsere eigene Selbstgewährung an den Freund. Das Geschenk wird
also in eine neue, höhere Sinndimension verwandelt. Es bleibt jedoch in
seinem hintergründigen Wesen, was es war. Unsere Selbstgewährung bleibt immer
hinter unserer Absicht zurück. Jeder Versuch, sich dem anderen Menschen zu
schenken, ist durch eine letzte Ohnmacht gekennzeichnet.
Nie
vermag sich der Mensch in seiner Gabe in einer erschöpfenden Weise auszudrücken
und sich mit ihr zu identifizieren. Die eucharistische Selbstgewährung Jesu
unterscheidet sich hiervon grundlegend. Denn Jesus vermag Brot und Wein mit
solcher Intensität in seine eigene Heilsmacht aufzunehmen, daß Brot und Wein
davon in ihrem innersten Leben, in ihrem hintergründigen Wesen getroffen
werden. Er identifiziert sich mit Brot und Wein. Er drückt sich in den Zeichen
von Brot und Wein in einer adäquaten Weise aus, wenngleich seine Selbstgewährung
nicht sichtbar, sondern eben in den Zeichen des Brotes und Weines erfoigt. Jesus
Christus tritt an die Stelle des hinter-
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gründigen
Brotwesens und des hintergründigen Weinwesens. Dieses hört ja zu existieren
auf. Es ist der verklärte Christus, der sich so im Zeichen darstellt.
Bei
dieser Erklärung würde die mit der These von der Verwandlung der Brot- und
Weinsubstanz in das Wesen des Leibes und des Blutes Jesu Christi gegebene
Schwierigkeit verschwinden. Trotzdem würden die Unterschiede von Leib und Blut
ihre Bedeutung bewahren. Denn in dem einen Falle würde der verklärte
Christus unter den Aspekt seiner vollen leibhaftigen, jedoch verklärten
Wirklichkeit, im anderen Falle unter dem Aspekt der sich opfernden Selbstgewährung
gesehen. Der Vorzug einer solchen Interpretation dürfte darin liegen, daß
jeweils der ganze Christus, und zwar aufgrund des sakramentalen Geschehens
selbst in den Blick tritt, ferner darin, daß Wein und Brot bzw. die hierdurch
versinnbildeten Realitäten von Leib und Blut nicht als eine willkürlich für
die Eucharistiefeier zusammengefügte Einheit, sondern von vornherein als wesenhaftes
Ganzes unter verschiedenen Aspekten erkannt werden.
Es
kommt hinzu, daß durch eine solche Erklärung der ohne sie entstehende Hiatus
zwischen dem verklärten und dem eucharistischen Christus dahinfällt. Die
oben skizzierte Deutung der Verwandlung in die Substanz Jesu Christi bringt es
umgekehrt mit sich, daß man zwischen dem verklärten und dem eucharistischen
Christus unterscheiden und das Verhältnis zwischen beiden Existenzformen
interpretieren muß. Derartiges führt zu mancherlei, durch die Glaubenswahrheit
von der Eucharistie nicht geforderten Problemen. Die These, daß der eine verklärte
Jesus Christus jeweils Brot und Wein in seine Heilsmacht aufnimmt und so das
Brot und den Wein in vollkommener Weise zu Zeichen seiner selbst macht, indem er
sie ihres hin-
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tergründigen Wesens entkleidet, macht verständlich, daß unzählige Male Eucharistie gefeiert werden kann, ohne daß Jesus Christus unzählige Male vervielfältigt ist (J. Ratzinger, Das Problem der Transsubstantiation und die Frage nach dem Sinn der Eucharistie, in: Tübinger Theol. Quartalschr. 147, 1967, 129-158. W. Beinert, Die Enzyklika »Mysterium fidei« und die neueren Auffassung über die Eucharistie, ebd. 159-176. B. M. Möller, De Transsubstantiatie, in: Nederlandse Katolieke Stemmen 56, 1960, 2-14. Herder-Korrespondenz 19, 1965, 317-520).