2. Einordnung in die Heilsgeschichte

Zunächst soll die Einordnung der Sakramente be­sprochen werden. Sie sind nur zu verstehen in der Per­spektive der gesamten Heilsgeschichte. Sie sind eine besondere Weise der Heilsvermittlung durch das Wort, bedürfen aber wegen ihrer relativen Eigenstän­digkeit und ihrem Gewicht im kirchlichen Leben einer besonderen Besprechung. Der Sinn der Sakramente erhellt sich aus dem Ziele der Heilsgeschichte. Diese ist die Ankunft der Menschheit und der ganzen Schöp­fung bei Gott zum Zwecke des ewigen, seligen Dialogs mit Gott und der Menschen untereinander. Gott selbst ruft die Menschen in diese Zukunft, und zwar durch das Wort und das im Wort verständliche und wirksa­me Zeichen der Kirche, entsprechend den Grundsitua­tionen des menschlichen Lebens (Geburt, Krankheit, Tod, Feier, Begegnung von Mann und Frau). Sein ru­fendes Wort und sein einladendes Zeichen haben den Charakter von göttlichen Impulsen. Damit sie ge­schichtlich real gehört, vernommen und gesehen wer­den können, muß Gott sie in einer hörbaren und sicht­baren Konkretisierung sprechen und setzen, indem sie in menschliche Formen übersetzt werden. Solches ist nur möglich, wenn er sich hierfür eines sichtbaren Werkzeuge bedient. Dies ist die Kirche. Sie ist hierfür wegen ihrer Christusverbundenheit geeignet.

Um derartiges zu verstehen, muß man das Verhält­nis Gottes zu Christus und zur Kirche ins Auge fassen. In einem Akt der vollständigen Selbstmitteilung hat Gott sein innergöttliches Wort, den ewigen Logos,

 

40

 

seinen präexistenten Sohn, hervorgebracht. Diese je­der göttlichen Schöpfungstat vorausliegende »Zeu­gung« war von vornherein dazu bestimmt, in die Schöpfung bzw. in die menschliche Natur und Ge­schichte vorzudringen. Sie erreichte ihr Ziel vorläufig in der Menschwerdung des Logos, insofern der Mensch Jesus im Logos seinen Existenz- und Subsi-stenzgrund, seine Personhaftigkeit hat.

In Jesus ist Gott als ewiger Vater offenbar gewor­den. Jesus, der Sohn, wurde sein geschichtlicher Stellvertreter. Er ist der Repräsentant der ewigen schöpferischen göttlichen Liebe. Er ist aber zugleich der »Erstgeborene unter vielen Brüdern« und so der Repräsentant der Menschen vor Gott. Wenn Gottes ewiges fruchtbares Tun in der Zeugung des Sohnes auf dessen Menschwerdung zielt, d. h. auf die Aufnah­me des Menschen Jesus zur Teilnahme an der ewigen Sohnschaft des Logos, und den Dialog mit Gott dem Vater, so ist dies nicht als ein Geschehen nur für ein In­dividuum, sondern als solches für die ganze menschli­che Gemeinschaft, ja für die gesamte Schöpfung ge­dacht, natürlich in einer analogen Vollzugsform. Die übrigen Menschen sollen an der Subsistenz des ewi­gen Logos teilnehmen. Sie sollen mit ihm in engste Verbindung kommen und zwar durch die Sendung des Heiligen Geistes, der der Geist Jesu Christi ist und der Geist jener werden soll und will, die sich Christus im Glauben öffnen und ihn so als ihren Stellvertreter und Bruder vor Gott anerkennen. Der Geist ist der Mittler auf Jesus Christus hin. Er ist die personhafte, vereini­gende Kraft zwischen Christus und dem Vater, aber auch zwischen dem Menschen Jesus und dem ewigen Logos.

Wie Gott den im göttlichen Logos subsistierenden Menschen Jesus durch dessen ganzes menschliches

 

41

 

Leben hindurch, vor allem aber durch Tod und Aufer­stehung, zu sich rief und Jesus bei dem rufenden Gott ankam und als der Erhöhte mit ihm lebt, so ruft er die gesamte Menschheit, als deren Vertreter Jesus auf Gott hin zu leben befähigt und bestimmt war, im Heili­gen Geist zu Christus und so zu sich. In Jesus hat sich Gott definitiv und unüberhörbar der Menschheit mit­geteilt, so daß er erreichbar ist. Jesus hat sich voll­kommen für Gott geöffnet und von Gottes Ruf bestim­men lassen. Er ist als Vertreter Gottes in der menschli­chen Geschichte (seit der Auferweckung) verborgen anwesend. Seine Brüder und Schwestern kennen den Weg, auf dem sie gehen müssen, um Gottes Ruf in die Zukunft zu folgen und das Ziel nicht zu verfehlen — Jesus selbst ist der Weg, welcher im Glauben zu be­schreiten ist. Da er der Vertreter der Menschen vor Gott ist, werden diese vom Rufe Gottes getroffen, weil Jesus, ihr Vertreter, davon getroffen wird. Dies letzte bedeutet daher, daß Gottes Ruf in die Zukunft ein Ruf zum Glauben an Jesus Christus ist. Durch ihn und mit ihm und nur so läßt sich der Gang in die Zukunft lei­sten.

Aber wo ist Christus zu finden? In der Kirche. So ge­schieht der Ruf zu Christus durch den Ruf der Kirche und zu der Kirche, dem Volke Gottes, dem Leibe Chri­sti. Wer sich von dem Rufe Gottes zur Kirche errei­chen läßt, gewinnt Anteil an der Lebensbewegung Jesu Christi, des Hauptes dieser Gemeinschaft. Denn in der Kirche wird das Leben Jesu, vor allem sein Kreu­zestod und seine Auferstehung, dynamisch gegenwär­tig. So werden diese Heilsereignisse zugänglich. Darin beruht die Sakramentalität der Kirche. Die Kirche ist Zeichen und Instrument für den Heilsruf Gottes zur Vollendung in der Zukunft. In diesem Heilsruf teilt sich Gott, der sich Jesus Christus geschenkt hat und im-

 

42

 

merfort schenkt, dessen Brüdern und Schwestern für die absolute Zukunft mit. Dies bedeutet zugleich einen ständigen Impuls, auf dem Wege zu bleiben und auf ihm weiterzuschreiten. Nach diesen Überlegungen ha­ben die Sakramente primär Zukunftsorientierung. Von der Zukunft, von dem in die Zukunft rufenden Gott her, müssen sie verstanden werden. Sie sind eschatologische Geschehnisse.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band V-3